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Unterwegs im Tesla Roadster – Automobiles Higgs-Boson

Juli 6, 2012 Fahrerlebnis 11 Kommentare

Tesla – dieser Name dürfte einigen aus dem Physikunterricht bekannt sein. Den Zockerkindern unter uns aber auch aus der Command & Conquer Reihe, in denen die von Nikola Tesla erfundene Tesla-Spule auch verwendet wurde um… nun gut, lassen wir das. Wenn man mal eine solche Tesla-Spule in Aktion gesehen hat, ist man – so geht es mir zumindest – von dieser “Gewalt” schlicht beeindruckt. Der Name Tesla hatte aber vor allem im Jahr 2006 große Schlagzeilen gemacht, als ein kalifornisches Start Up mit dem Namen “Tesla Motors” einen zweisitzigen Elektrosportwagen vorstellte und eine Reichweite von über 300 Kilometern versprach. Seit dem Tag an ist der Tesla Roadster ein so besonderes Auto, von dem fast jeder – sogar meine Eltern – schon gehört hat.

Tesla Roadster Sport

Donnerstag letzer Woche war dann einer dieser Tage, auf die ich mich ganz stark gefreut habe. Einer der Tage, vor denen man fast jede freie Minute an die Zeit denkt, die man da verbringen darf. Tesla Motors Deutschland hat mir einen Tesla Roadster zur Verfügung gestellt. Für mich war es alleine eine große Freude, wieder in einem Elise-Chassis sitzen zu können. Aber da hatte ich ja noch keine Vorstellung davon, welche Kräfte noch auf mich wirken werden…

Zum Artikel gibt es natürlich auch ein Video. Das findet ihr hier bei YouTube.

Das Herzstück des Stromers ist ein Elektromotor, welcher eine Leistung von 215 kW erzeugt. 288 PS in einem Elise Chassis. Das mag nun äußerst brachial klingen. Tatsächlich aber scheint sich dieser Wert zu relativieren, schaut man auf das Gewicht: auf Grund der 6831 Lithium-Ionen-Laptopakkus im Heck, müssen immerhin gute 1220 Kilogramm bewegt werden. So wild kann es doch gar nicht sein. Oder?

Tesla Roadster Cockpit

Es geht also los, mir wird der Schlüssel zum Tesla Roadster Sport in der auffälligen Farbe “Brilliant Gelb” überreicht. Braucht es für solch ein Auto eine auffällige Farbe? Ich vermute nein, die neugierigen, faszinierten Blicke der Passanten, die ganzen Gespräche an den Ampeln, die Porsche-Fahrer, die schnell vor dem Einsteigen noch an den Tesla herantreten – ich vermute all das wäre auch passiert, wäre der Roadster in eine weniger auffällige Farbe gehüllt. Dies soll keine Kritik an der Farbe sein – viel mehr soll es die unglaubliche Anziehungskraft dieses Autos verdeutlichen. Higgs-Boson, Gottesteilchen? Die Anziehungskraft des Tesla Roadster dürfte das fast in den Schatten stellen.

Tesla Roadster Sport

Praktischerweise ist das Dach bereits offen – das macht den Einstieg über den Lotus’schen Türschweller deutlich einfacher. So klettere ich gelassen mit den Füßen in den Innenraum und gleite langsam in die schwarz-gelben Schalensitze hinab. Neben meinem rechten Bein fällt mir sofort die Mittelkonsole auf. Fahrstufenwählhebel oder ähnliches sucht man im Tesla vergebens. Lediglich vier Knöpfe mit der Aufschrift “P, D, R, N” lassen einen vermuten, dass Gänge und Getriebe aus einer längst vergangenen Zeit stammen müssen. Vor mir befinden sich zwei Rundinstrumente. Das linke stellt Geschwindigkeit und Drehzahl gleichzeitig dar – auf der gleichen Skala. Es gibt keine andere Übersetzung. Insofern stehen Motordrehzahl und Geschwindigkeit natürlich in einer unveränderlichen Beziehung. 13.500 steht da, sei die Maximaldrehzahl. Das liegt gleichauf mit 200 km/h. Mehr fährt der Tesla nämlich nicht, um Elektromotor und Akkus zu schonen. Mehr braucht man aber auch nicht. Der Tesla fühlt sich ohnehin in der Stadt und auf der Landstraße wohl. Moment, In der Stadt? Ja, tatsächlich! Trotz fehlender Servolenkung – und damit ist der Roadster tatsächlich sehr schwer zu lenken – fährt es sich mit dem Stromer in der Stadt fast angenehmer, als mit jedem Automatik-Fahrzeug – dem lautlosen Antrieb sei dank. Und gerade hier ist man ständig versucht immer mal kurz die Leistung spielen zu lassen, erntet man von den Passanten doch keine kritischen Blicke ob der “prolligen Klangkulisse”.

Tesla Roadster Front

Aber um auf die Frage zurückzukommen, “kann es wirklich so wild sein?” Nun, Beschleunigung – was ist schon Beschleunigung. Ist man einmal den Tesla Roadster gefahren, scheint sich plötzlich alles, was man darüber bisher gelernt und erfahren hat, zu relativieren. 3,7 Sekunden auf 100 – eine beeindruckende Zahl. Aber nichts gegen das, was man im Tesla erlebt. Jeder noch so gierige Sauger, jedes noch so bullige, dank Zwangsbeatmung erlangte Drehmoment – alles wirkt plötzlich so schwach und indirekt. Wenn per Gaspedalbewegung unmittelbar – und damit meine ich so direkt wie der Weg des Blitzes von einer Teslaspule zu seinem Ziel – 400 NM Drehmoment auf den Körper wirken, spielt sich im Kopf plötzlich ein Wechselbad der Gefühle ab: Euphorie, Entsetzen, Euphorie, Furcht, Respekt, Begeisterung, Freude. Und gleich das ganze Programm noch mal – weil man es einfach nicht fassen konnte. Leichtes Bremsen und wieder rauf auf’s Gas… 400 Newtonmeter. Das klingt nicht nach viel. Aber es ist die Art und Weise, wie der Roadster diese Leistung ansetzt, dieses verzögerungsfreie Beschleunigen mit einem konstant gleichstarken Drehmoment, einem Triebwerk, welches keine Drehmomentkurven kennt – all das lässt das Fahren so brachial werden.

Tesla Roadster Heck

Auf der Landstraße funktioniert dieses Kräftespiel mindestens ebenso gut – wenn nicht gar besser. Kurve anvisieren, mit kleinen aber präzise arbeitenden Volant einlenken, perfekter Halt in den tollen Schalensitzen, Kurvenscheitelpunkt und GasStrom. Traktionsprobleme? Dem Tesla Roadster mindestens so fremd, wie die Verbrennung eines fossilen Brennstoffes zur Energiegewinnung. Das Gewicht verteilt sich stark auf die Hinterachse, Beschleunigen aus dem Stand und auch bei Kurvenfahrten lassen kaum Schlupf aufkommen. Und falls doch, regelt die Elektronik sanft, fast unspürbar. Allerdings muss sich der wilde Stromer auch eine starke Neigung zum Untersteuern anrechnen lassen – gerade auch unter Last. Das Chassis wirkt ob des hohen Gewichts teilweise doch leicht an seine Grenzen gebracht. Das verhältnismäßig weiche Fahrwerk sorgt dafür, dass bei der brachialen Beschleunigung die Vorderräder, mit dem Format 175 ohnehin nicht besonders breit, stark entlastet werden und kaum Seitenführungskräfte aufbauen können – Untersteuern ist die Folge. Provoziert man das formschöne Heck dennoch, reagiert der Roadster Sport völlig gelassen und entspannt. Die bisweilen zickige Gebaren seiner Chassis-Schwester, der Lotus Elise, sind dem Tesla völlig fremd. Da sich die Masse nicht auf einen Punkt um den Fahrzeugmittelpunkt konzentriert, sondern “weit” im Heck verteilt ist, reagiert der Kalifornier im Grenzbereich deutlich gutmütiger. Das weiche Fahrwerk unterstützt dies noch zusätzlich.

Tesla Roadster - geht auch mal quer

Treibt man es im Performance Modus bei hohen Außentemperaturen dann doch ein mal etwas wilder, greift leider eine so genannter “Power Limiter” ein. Der reduziert die Leistung, wenn das Steuergerät eine optimale Betriebstemperatur für Akkus und Motor nicht mehr gegeben sieht. Bei hohen Temperaturen fährt es sich also besser im “Normalmodus”, dann kann man auch lange völlig störungsfrei Spaß haben. Apropos lange: selbst, wenn man jeden Atemzug mit dem Tesla genießt – soll heißen oft beschleunigt und und und – kommt man damit gute 170 Kilometer weit. Über Nacht dann noch in München die nächste Stromtankstelle suchen, den Tesla mit 32 Ampere wieder auf vollen Ladestand bringen und am nächsten Tag weitere 200 Kilometer bei normaler bis starker Belastung – alles kein Problem.

Tesla Roadster Sport

Wie geht es denn nun weiter, mit dem Tesla? Nun, noch gibt es wenige Tesla Roadster zu kaufen. Für rund 130.000 Euro. Elektromobilität sei nicht erschwinglich, hört man in diesem Zusammenhang gerne. Gerade beim Tesla. Dazu sollte man aber verstehen, dass der Roadster vor allem eine Art “Proof of Concept” war. Es ging darum, zu beweisen, dass ein Elektrofahrzeug auch “heute” schon (das war vor 6 (!!) Jahren) eine große Reichweite schaffen kann und weit ab der 40-km/h-ADAC-Prospekt-Elektroautos ist. Um sich voll auf den Antrieb konzentrieren zu können, nahm man sich als Basis die Elise und schuf einen limitierten Elektrosportwagen – etwas bis dahin völlig neues. Das Konzept konnte sich beweisen, der erste Schritt ist getan, nun folgt der nächste: das Model S wurde in den USA erstmals ausgeliefert und wird zum Jahresende auch nach Deutschland kommen. Mario von autoaid.de hat darüber auch schon ein wenig geschrieben. Mit dem Model S wird Elektromobilität in einer gehobenen, sportlichen Mittelklasselimousine schon ab rund 45.000 Euro zu erleben sein – und wow, sieht das Teil gut aus. Aber Tesla will noch weiter: mit dem Wissen und dem Gewinn soll dann die Vision der Elektromobilität für jedermann umgesetzt werden. Tesla sieht sich selbstbewusst, als Pionier der heutigen Elektromobilität und ich denke, dass sie das durchaus dürfen. Mit dem Roadster haben sie gezeigt, was machbar ist und mich hat das Auto zutiefst beeindruckt. Nun bin ich gespannt, wie es mit einer völligen Eigenentwicklung sein wird, dem Model S. Und was danach folgt – man darf gespannt sein!

Vielen Dank an Tesla Motors Deutschland. Fotos: Marius Moise


Über den Autor -

Seit dem Kindesalter drehte sich für mich immer alles um Autos. Ob ich als Kleinkind mit offenem Mund auf der Straße stehen blieb, wenn ein Ferrari 355 an mir vorbeigefahren ist, ob ich als Teenager am PC eine Rennsimulation nach der anderen bis in die Nächte hinein gezockt haben oder ob ich mir als glücklicher Führerscheinbesitzer keine Möglichkeit entgehen lassen konnte, jedes Auto zu fahren, das mir in die Hände fiel. Meinen Smart Roadster habe ich - wie man so als Informatiker eben tickt - begonnen zu debuggen und ein eigene Softwaremodifikationen dafür zu bauen. Auf der Rennstrecke und mit kleinem Engagement im Motorsport wurde nicht nur der, sondern auch sein Nachfolger - ein Renault Megane RS TCe250 - gerne und häufig gequält. Inzwischen muss ein Lotus Elise herhalten, während ich immer noch jede Möglichkeit wahrnehme, um jedes erdenkliche Auto zu fahren - und hier darüber zu bloggen.

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