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Honda Civic 1.8 Sport – ein Individualist für Individualisten

September 20, 2012 Fahrerlebnis, Testwagen 10 Kommentare

Honda spricht davon, Autos für Individualisten zu bauen. Der Honda Civic war insbesondere in seiner letzten Generation genau so eines: ein Auto für Individualisten. Der neue Civic setzt genau dort an, um dieses Thema weiterzuführen.

Und ich muss auch gleich mit einem Bekenntnis beginnen: ich war, mit Ausnahme des CRX nie ein Freund des Honda Civic. Der neue Civic hat äußerlich nach wie vor seine Eigenheiten, die ihn für mich nicht gerade attraktiv machen, andererseits gibt es einige Seiten an ihm, wo er mir unwahrscheinlich gut gefällt. Eine verflixte Situation ist das. Und ebenso zwiegespalten startete ich in den Test während der zwei Wochen.


Honda Civic 1.8 Sport

Design

Nun ja. Design liegt immer im Auge des Betrachters. Richtig oder falsch gibt es nicht. Und nein: hässlich finde ich den Civic nicht, aber ich bin zugegebenermaßen nun auch kein riesiger Freund seines Außendesigns. Interessanterweise gefällt mir aber gerade die Heckpartie mit den hervorstehenden Rückleuchten besonders gut – ein Punkt den viele Leute eher kritisieren. Ebenso die in einem anthrazitfarbenem Ton gehaltene Stoßstange in der Front zwischen den Scheinwerfern ist für mich ein schönes und gelungenes Detail. Aber sind wir ehrlich: grundsätzlich bin ich sowieso ein schlechter Kandidat, wenn es darum geht, Design zu beurteilen. Noch dazu kann ich mich oft nicht entscheiden – a oder b? Und genau das ist auch beim Civic der Fall. Topp oder Flop? Hü oder Hott? Gefällt er mir oder nicht? Sagen wir es so: ich konnte mich schon mehr für das Aussehen eines Autos begeistern. Aber irgendwie.. wenn ich so darüber nachdenke, sieht er gar nicht mal so verkehrt aus….

Honda Civic 1.8 Sport Cockpit

Ausstattung und Innenraum

Was man von außen noch als mutiges Design bezeichnen könnte, würde ich innen schon als unglaublich funktional betrachten. Das etwas hoch gebaute Armaturenbrett kommt zwar gefühlt weit in den Innenraum herein, aber irgendwie stimmt es dann doch alles. Vor sich hat man einen schön großen Drehzahlmesser, sowie Temperatur- und Tankanzeige. Deutlich weiter von sich entfernt, direkt unterhalb der Windschutzscheibe hat man dann einen großen Digitaltacho. Und ja.. ich war lange kein Freund digitaler Tachometer, aber irgendwie möchte ich es inzwischen nicht mehr missen. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich ob meiner Länge in den wenigsten Autos überhaupt den ganzen Tacho einsehen kann – meist ist der Lenkradkranz im Weg. Aber egal: die Anordnung des Digitaltachos im Civic ist toll, denn das Auge muss sich weniger stark auf eine andere Tiefe einstellen und mit der Position nah an der Scheibe funktioniert die Anzeige schon fast so gut, wie ein Heads-Up-Display (HUD).

Honda Civic 1.8 Sport

Die Anordnung der Anzeigen, kann schon fast mit einem HUD mithalten

Dazu befindet sich in der Nähe des Tachos noch ein großes Display, welches die wichtigsten Informationen für den Fahrer bereithält: Bordcomputer, aktuelles Lied in der Wiedergabe und und und. Blöd nur: das Umschalten zwischen den verschiedenen Anzeigemodi ist eher wenig elegant gelöst und arbeitet stark verzögert – es sieht damit einfach komisch aus. Dieses Display dient gleichzeitig auch als Monitor für die Rückfahrkamera. Tolle Sache, denn der übersichtlichste ist der Honda Civic sicher nicht.

Viele der Funktionen für Freisprecheinrichtung, Navi und Bordcomputer sind auch über das Lenkrad zu erreichen. Das wiederum sah zwar schön aus, war aber leider relativ ungriffig, was weniger an der Form als an dem glatten Leder lag.

Kräftiges Soundsystem, schwache Verkleidungen

Nach ein bisschen Spieler mit dem umfangreich einstellbaren Equalizer des Premium Soundsystemes, passt dann auch der Klang. In der Standardeinstellung wirkt der irgendwie sehr flach: der mittlere Frequenzbereich ist sehr dumpf ausgeprägt, während Höhen einem schon fast klirrend in den Gehörgang gebrüllt werden. Aber dafür ist der Equalizer in 5 Ebenen verstellbar – das ist lobenswert. Sauber eingestellt untermalt der verbaute Subwoofer das Klangbild wunderbar – Musikhören wird zur Freude, wenn… ach Honda, wenn da nicht die leicht klappernden Türverkleidungen wären, die unter dem Schalldruck des Soundsystems leiden. Das kann aber auch an dem Testfahrzeug gelegen haben, Pressefahrzeuge erfahren ja nun nicht immer die besondere Liebe und Pflege, wie von Motor-Bloggern.

Zufallswiedergabe? Ach i wo!

Ein Kritikpunkt, den sich das Soundsystem gefallen lassen muss: lässt man seine Musik per Zufallswiedergabe beispielsweise vom USB Stick laufen und man springt ein Lied weiter, wird nicht etwa das nächste Lied zufällig ausgewählt. Nein, es wird das nächste Lied im Ordner des aktuellen Liedes gewählt. Das ist bisweilen etwas nervig, denn wenn ich eine Wiedergabe über meine Musikbibliothek laufen habe und lande bei Band XY, habe auf die aber gerade keine Lust, will ich das Lied weitermachen. Aber wo lande ich? Beim nächsten Lied der Band. Das nervt teilweise. Damit es also bei der Zufallswiedergabe weiter geht, wie erwartet, muss man wohl oder übel das Lied abwarte – getreu dem Motto: Augen zu und durch. Aber das bitte nicht auf öffentlicher Straße.

Lobenswert ist übrigens, dass das Navigationssystem, das ich im Insight ja als besonders altbacken kritisieren musste, im Honda Civic bereits deutlich frischer daherkommt. Ok, die Ansagen nerven manchmal, aber in Sachen Bedienbarkeit und Darstellung ist das Navi schon ein weiter Schritt nach vorne und auch die Handyverbindung per Bluetooth hat dieses mal innerhalb von 2-3 Minuten geklappt.

Gute Sitzposition und viiiieeeel Platz!

Übrigens: in Sachen Sitzposition gab es nichts zu meckern. Es war nicht die absolut perfekte Sitzposition (die hatte ich bisher ohnehin nur in 2-3 Autos), aber ich habe mich wohlgefühlt und war vor allem mit ausreichend Seitenhalt gesegnet. Auf dem Weg zum Blogger Road-Trip habe ich dann auch noch 2 weitere Erwachsene inklusive vollem Gepäck im Civic gehabt und selbst dann konnte von Platzmangel keine Rede sein. Auch der Kofferraum ist riesig und fühlte sich von einem Kaufhaus bei einem schwedischen Möbelhaus geradezu unterfordert. Da geht also einiges rein, in den Civic.

Honda Civic 1.8 Sport

Antrieb

Der Motor ist noch ein typischer Honda, der von Downsizing nichts wissen will. Der 1,8 Liter Vierzylinder ist ein aufgewecktes Kerlchen. Grundsätzlich klingt er ziemlich gut. Wenn man das ganze Drehzahlband ausnutzt, wird er allerdings auch relativ laut. Und Drehzahlband nutzen, ja, das ist beim Civic tatsächlich nötig. Schaltfaul oder niedertourig fahren verträgt der Motor leider so gar nicht und auch das Drehmoment von nur 174 NM ist natürlich nun nicht gerade viel. Die Leistung von 104 kW (142 PS) liegt bei 6.500 Umdrehungen an. Man muss ihm also durchaus die Sporen geben.

Während ich konzentriert und auf kurvigen Landstraßen unterwegs war oder mit niedrigen Drehzahlen durch die Stadt gefahren bin, war die Lautstärke soweit übrigens natürlich kein Problem. Als ich allerdings meine erste längere Autobahnetappe mit dem Civic zurückgelegt habe… phew – das war schon ein wenig anstrengend. Ok, immerhin ist eine klangkräftige Stereoanlage an Bord, aber der Motor kann einem manchmal schon recht anstrengend werden. Überraschend aber an dieser Stelle: über 200 km/h (GPS) sind kein Problem, obwohl nur 190 km/h als Höchstgeschwindigkeit angegeben sind. Klar, dafür braucht der Civic ordentlich Anlauf, aber er schafft sie aus eigener Kraft.

Honda Civic 1.8 Sport

Diese Schaltung! DIESE SCHALTUNG! Hach…

Wett machen kann das wieder das hervorragende Getriebe. Die Übersetzung ist stimmig und die Schaltwege knackig kurz. Ich kann es einfach nicht oft genug betonen: jeder Gangwechsel ist eine Freude! Und das relativiert auch schon wieder den Charakter des Motors. Denn plötzlich macht es wieder Spaß so oft wie möglich zu schalten. Einfach super, was Honda da gebaut hat.

Klar, über die Trinkgewohnheiten eines frei atmenden 1.8 Liter Saugers, der nach hohen Drehzahlen giert, brauchen wir freilich nicht sprechen. Da ich während meines Testzyklus rund 500 Kilometer Dauervollgas auf der Autobahn hatte, wäre es unfair, über den Gesamtdurchschnittsverbrauch während des Tests zu sprechen. Aber: unter 7 Liter ist der Civic kaum zu bewegen, dafür ist er aber auch schwer über 10 Liter zu bekommen – das geht etwa dann, wenn man nach dem Tanken eine halbe Stunde lang die 200 auf dem Digitaltacho stehen hat.

Fahrwerk

Ab und zu mal die schönen Kurven der Münchener Umgebung unsicher machen oder entspanntes dahinrollen – geht beides im Honda Civic. Wo Sport drauf steht, erwartet man natürlich einiges. Aber wir wollen die Kirche im Dorf lassen: ein Sportwagen ist er natürlich nicht. Dafür wird es ja dann auch die Type S und vielleicht auch wieder eine Type R Version geben. Und trotzdem: die Lenkung ist zwar eher für den Alltag eines Kompaktwagens ausgelegt und relativ leichtgängig, gibt aber dennoch ein schön präzises Feedback von der Straße. Der Civic lenkt direkt ein, kündigt den Grenzbereich leicht untersteuernd an und wenn man ihn etwas fordert, lässt er auch schonmal sein Heck mitschwingen.

Honda Civic 1.8 Sport

Des Sportfahrers Erfüllung wird der Honda Civic 1.8 Sport allerdings nicht werden, soviel ist klar. Auch wenn er sich sicher sportlicher bewegen lässt, als  so mancher Konkurrent. Dafür rollt er relativ komfortabel ab, poltert nicht und federt sauber über Bodenwellen. Lediglich auf der Autobahn hat der Civic seinen Erzfeind gefunden. Das Heck wird unruhig, nicht nur beim Bremsen und man hat das Gefühl, das Auto schwimmt die ganze Zeit hin und her. Da ist das Setup wohl vielleicht für den europäischen, aber nicht den deutschen Markt gelungen. Schnelle Autobahnetappen machen so nicht nur keinen Spaß, sie lassen einem auch schon mal die Hände etwas schwitziger werden.

Fazit

Ja, es war eine seltsame Begegnung mit dem Honda Civic 1.8 Sport. Meine Skepsis ihm gegenüber konnte er nicht ganz aus dem Weg räumen. Das liegt nicht daran, dass er etwa ein schlechtes Auto sei. Beim besten Willen nicht. Aber es ist einfach nicht das Auto, dass mich spontan anspricht und mir sofort sympathisch ist. Das Styling: klar, Geschmackssache. Der Innenraum: aus meiner Sicht hervorragend gelungen. Die Haptik und die Verarbeitung ebenfalls: das Armaturenbrett ist schön aufgepolstert, die Türen haben das Honda-typische satte Schließgeräusch. Vom Fahren her: super angenehm, sofern man nicht auf der Autobahn hohen Geschwindigkeiten nachjagt. Aber irgendwie fehlt da einfach der letzte Funke Begeisterung, den zwar die tolle Handschaltung bei mir entfacht, aber nicht auf das gesamte Auto übertragen kann. Aber hey, das ist ok. Denn Honda will Autos für Individualisten bauen. Und genau das ist der Civic: wer auf sein Design steht, wird mit dem Civic einen guten Wegbegleiter finden. Denn er ist ein gutes Auto mit leichten Schwächen. Nur eben kein Auto für mich – man kann sich ja nicht immer in einen Testwagen verlieben.

Worin er besticht

Die knackige und präzise Sechsgangschaltung ist ein Traum. Die Gänge rasten präzise ein, das Gefühl ist großartig, kurzum: die Schaltung ist das perfekte Werkzeug für einen Motor, der hohe Drehzahlen benötigt. Mit diesem Getriebe kann man ihm das einfach nicht übel nehmen.

Worin er nicht überzeugt

Lange Autobahnetappen sind nicht das Ding des Honda Civic. Der hoch drehende Motor sorgt für eine unangenehme Lärmkulisse und das gesamte Auto ist bei hohen Geschwindigkeiten stark am Schwimmen. Bleibt zu hoffen, dass Honda im Rahmen einer Modellpflege bald nachbessert und für mehr Abtrieb insbesondere an der Hinterachse sorgt.

Honda Civic 1.8 Sport

Technische Daten

Honda Civic 1.8 Sport

Motor Bauart:
Reihenvierzylinder, i-VTEC
Hubraum:
1.798 cm³
Leistung:
104 kW / 142 PS bei 6.500 U/Min
Drehmoment:
174 NM bei 4.300 U/Min
Höchstgeschwindigkeit:
190 km/h
Beschleunigung (0-100 km/h):
8,7 Sekunden
Verbrauch städtisch / außerstädtisch / kombiniert:
7,3 l / 4,9 l / 5,8 l Benzin
Grundpreis Honda Civic 1.8 Sport:
23.000 €
Testwagenpreis:
26.892,01 €
Testverbrauch:
k.A.
Leergewicht:
1.300 kg
Max. Zuladung:
380 kg
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe):
4,300 m / 1,770 m / 1,470 m

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Über den Autor -

Seit dem Kindesalter drehte sich für mich immer alles um Autos. Ob ich als Kleinkind mit offenem Mund auf der Straße stehen blieb, wenn ein Ferrari 355 an mir vorbeigefahren ist, ob ich als Teenager am PC eine Rennsimulation nach der anderen bis in die Nächte hinein gezockt haben oder ob ich mir als glücklicher Führerscheinbesitzer keine Möglichkeit entgehen lassen konnte, jedes Auto zu fahren, das mir in die Hände fiel. Meinen Smart Roadster habe ich - wie man so als Informatiker eben tickt - begonnen zu debuggen und ein eigene Softwaremodifikationen dafür zu bauen. Auf der Rennstrecke und mit kleinem Engagement im Motorsport wurde nicht nur der, sondern auch sein Nachfolger - ein Renault Megane RS TCe250 - gerne und häufig gequält. Inzwischen muss ein Lotus Elise herhalten, während ich immer noch jede Möglichkeit wahrnehme, um jedes erdenkliche Auto zu fahren - und hier darüber zu bloggen.

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