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Alfa Romeo Giulietta – ein fahrdynamisches Zwischenfazit

September 26, 2012 Testwagen 1 Kommentar

Seit ziemlich genau eineinhalb Wochen steht die Alfa Romeo Giulietta nun bei mir in der Garage. Wobei von stehen eher weniger die Rede sein kann, denn genau genommen, bin ich doch überraschend viel mit der Italienerin unterwegs. Und irgendwie ist das doch seltsam, weil die (manchmal) eitle Dame unsere Beziehung von Anfang an immer mal wieder auf eine harte Probe gestellt hat. Aber wir wollen heute mal nur über ihre sportliche Seele sprechen. Zeit für ein fahrdynamisches Zwischenfazit.

Alfa Romeo Giulietta 2.0 JTDM TCT

Sportlichkeit, Charakterstärke, Emotionen. Das sind die Attribute, über welche sich ein Alfa Romeo in der Regel zu identifizieren hat. Und das passt gut, geht es mir doch üblicherweise auch vor allem um die inneren Werte, um fahrdynamische Talente, um die Fähigkeiten des fahrbaren Untersatzes in der hohen Kunst der Querdynamik. Und genau aus diesem Grund habe ich mich lange auf die Begegnung mit der Alfa Romeo Giulietta gefreut. Durchaus, der Start mit der hübschen Damen war – wie bereits erwähnt – holprig. Sie hat ihre Eigenarten. Manche mögen sie daher Zicke schimpfen. Egal. Ein starker Charakter erfreut das Herz und über all diese kleinen und großen Schwächen werde ich im Hauptartikel eingehen.

Ein Alfa. Mit Diesel? Ohne Handschaltung?! Das kann doch nicht…

Auch das Grundsetup des Testwagens ist eine mutige Kombination für einen Alfa. Aber die Zeiten ändern sich bekanntermaßen. Und in Zeiten von BMW M-Modellen mit Dieselmotoren darf sicher auch ein rassiger Italiener mit Selbstzünder an den Start rollen. Eben das hat nämlich die Giulietta: ein 2.0 Liter JTDM Turbodieselmotor, der – soviel sei bereits jetzt vorausgeschickt – in seiner Auslegung durchaus ein mutiges Triebwerk ist. Noch mutiger, als nur die Motorisierung, ist für einen Alfa die Wahl des Getriebes: mit dem Alfa Romeo TCT (Twin Clutch Technology) handelt es sich um nichts anderes, als ein Doppelkupplungsgetriebe. Eine Eigenentwicklung des Fiat-Konzerns, auf das zahlreiche eigene Patente eingetragen wurden. Bisherige Versuche, unter Alfisti etwas anderes als einen Handschalter zu etablieren, sind bisher nie von Erfolg gekrönt gewesen. Und daher ist auch der Einsatz des TCT ein durchaus gewagter Schritt.

Alfa Romeo Giulietta 2.0 JTDM TCT

Die Sitze? Hübsch, aber von Seitenhalt keine Spur

Aber schreiten wir zur Tat. Einsteigen, Sitz einstellen, Lenkrad und “feddich”. Naja, nicht ganz. Die richtige Sitzposition in der Giulietta zu finden ist leichter gesagt, als getan. Ok, mit 1,89m bin ich sicherlich nicht im Mittelmaß des italienischen Autokäufers und dennoch: die Sitzposition kann nicht überzeugen. Das Lenkrad ist zwar in Höhe und Tiefe verstellbar, geht aber für meinen Geschmack nicht weit genug herunter und vor allem nicht weit genug heraus. Daraus folgt (mal wieder) für mich eine sehr unbequeme Beinhaltung, damit man das Lenkrad gut im Griff hat. Die wirklich wunderschönen Ledersitze bieten zudem in etwa soviel Seitenhalt, wie eine Bierbank bei 2 Promille. Schade, dass ein Auto mit betont sportlichem Charakter gerade in dieser Disziplin patzt. Und ja, das tut mir wirklich weh, denn ich stehe total auf diese wunderschöne Optik. Auf diese horizontal abgesetzten Ledersitze, mit roten Nähten. Und dann das…

Alfa Romeo D.N.A. – Fahrerlebnis für jede Situation

Fahrkomfort oder TCT-Alltagstauglichkeit? Erstmal egal, darüber sprechen wir im Hauptartikel. Ich will die fahrdynamischen Talente erläutern. Und wo kann man die besser erfahren, als im Münchener Umland und den Alpen? Auf dem Weg in Richtung Gebirge fahre ich über meine Standardteststrecke zwischen Holzkirchen und Bad Tölz: eine perfekte Mischung aus Auf und Ab, Links und Rechts, mit kurzen und langen Bodenwellen, plötzlichen Belagwechseln und und und. Der Fahrerlebnisschalter wird auf D wie Dynamic gestellt. Die Auswirkungen: straffere Lenkung, strafferes Fahrwerk, schärfere Gaspedalkennlinie, ein Overboost, welcher zusätzliche 20 Newtonmeter Drehmoment freigibt und deutlich spätere Regelschwellen für ESP und ABS.

Alfa Romeo Giulietta 2.0 JTDM TCT

Tolles, sportliches Fahrwerkssetup

Leicht untersteuernd geht die Giulietta dabei in die Kurven. Erst wenn man die Kurventempi übertreibt, schiebt sie deutlich über die Vorderachse – solange die 225er an der Vorderachse nicht völlig warm sind. Sind die einmal auf Temperatur, wandelt sich der Charakter der Giulietta merklich. Zackiges Einlenken genügt und die Giulietta betört den Fahrer mit ihrem beweglichen Hintern. Das ESP hält weitestgehend den Mund – dankeschön! Erst sehr spät greift es gefühlvoll ins Geschehen ein. Wankbewegungen sucht man vergebens. Das Fahrwerk ist im Setup grundsätzlich sehr gut gelungen, insbesondere für das zügigere Vorankommen.Das liegt auch am verbauten aufpreispflichtigen Sportfahrwerk. Schwächen offenbart es erst auf weiten Bodenwellen und auf kleinen Fahrbahnunebenheiten. Auf langen Bodenwellen schwingt das Auto einige Male nach, auf kleinen Unebenheiten in Kurven hingegen, versetzt sich das Auto deutlich spürbar. Gefühlt ist die Druckstufe zu weich ausgefallen, damit das Setup perfekt wäre.

So muss die Lenkung für ein sportliches Fahrzeug ausfallen!

Die Lenkung hingegen passt perfekt ins Spielgeschehen. Sie fällt richtig schön straff aus, das Lenkrad liegt hervorragend in der Hand und das Feedback: traumhaft! Am Volant spürt man unglaublich detailliert, was die Räder auf der Straße gerade machen. Nicht ganz ins sportliche Bild passen die wild blinkenden Warnblinker, die bei beherzten Bremsmanövern den hinterherfahrenden Verkehr vor einem Unfall bewahren wollen. Schade nur, dass ich gerade auf einer Landstraße und nicht auf der Autobahn bin. Vielleicht sollen die Warnblinker aber auch den Fahrer vor zu forschen Bremsmanövern am Kurveneingang bewahren? Denn nach ein paar beherzt gefahrenen Kurven werden erste Schwächeerscheinungen der Bremsanlage erkennbar. Trotz der Brembo-Bremsanlage aus der Zubehörliste macht sich Fading breit. Das ohnehin nicht unbedingt besonders präzise Gefühl am Bremspedal wird zunehmend teigiger und ein Druckpunkt ist nicht mehr zu erkennen. Allerdings kostet die Brembo-Anlage nur rund 400 Euro Aufpreis. Der Unterschied zur Serienanlage kann also nicht immens sein – möglicherweise handelt es sich einfach nur um andere Scheiben, das werde ich aber noch in Erfahrung bringen.

Könnte standfester sein: Brembo Bremsanlage an der Giulietta

Könnte standfester sein: Brembo Bremsanlage an der Giulietta

Diesel und TCT – taugt das auch für Sportlichkeit?

Bleibt zu guter letzt noch die Frage, wie der gesamte Antriebsstrang ins Bild passt? Zum einen haben wir da einen 125 kW (170 PS) starken Dieselmotor. Der ist in seiner Charakteristik noch ein wenig der klassische Turbomotor. Der Ladedruck baut sich erst spürbar verzögert auf und das plötzlich hochschnellende Drehmoment von 320 NM reisst plötzlich an den Antriebsrädern. Trotz allem hat die Giulietta erstaunlich viel Grip an der Vorderachse, so dass das an dieser Stelle nicht zum Problem wird. Etwas unpassender für den sportlichen Einsatz ist dann aber das relativ schmale nutzbare Drehzahlband. Spürbarer Vortrieb kommt erst bei rund 2.000 Umdrehungen und endet bereits bei rund 3.500 Umdrehungen. Es ist also bei Leibe nicht gerade ein Dieselmotor der modernen sportlichen Gattung mit hoher Drehfreude. Aber das geht in Ordnung. Die Elastizität ist dennoch sehr gut.

Im sportlichen Einsatz passt auch das TCT weitestgehend sehr gut. Das Hochschalten geht immer zackig und schnell vonstatten. Der Kraftschluss ist direkt, von Unterbrechung kann keine Rede sein. Lediglich der kurz abfallende Ladedruck und das daraus entstehende, oben bereits erwähnte Turboloch lassen einen unter Volllast spüren, dass geschaltet wurde. Übrigens: die Gänge werden gehalten. Ungewolltes Hochschalten ohne Zustimmung des Fahrers gibt es hier nicht. Das, was das TCT beim Hochschalten noch super macht, fühlt sich beim Zurückschalten dann aber leider nicht mehr ganz so stimmig an. Schöne direkte Zwischengasstöße, wie man es vom DSG aus dem VW Konzern kennt, sucht man hier. Stattdessen hat man das Gefühl, dass die Drehzahl sanft angeglichen wird, um dann sachte einzukuppeln. Hier vergeht gefühlt tatsächlich eine Sekunde, bis man wieder vollen Vortrieb genießen kann. Ebenso wenig passen die unglaublich kurzen Schaltwippen ins Bild. Selbst mit meinen nicht gerade kleinen Händen, berühre ich diese nur mit den Fingerspitzen.

Alfa Romeo Giulietta 2.0 JTDM TCT

Also? Ein Auto für echte Alfisti?

Was ist also das vorläufige Fazit aus fahrdynamischer Sicht? Was sagt das Sportfahrerherz? Ganz einfach: ich bin angefixt. Ja, die Giulietta macht auf der Landstraße verdammt viel Spaß. Somit würde ich behaupten, wird sie ihrem Anspruch als Alfa Romeo gerecht. Sie ist nicht der perfekte Sportwagen, das Fahrwerk offenbart leichte Schwächen und doch habe ich auf der Landstraße eine Menge Spaß mit ihr. Das gesamte Setup wirkt nicht perfekt ausgegoren, aber dennoch: es geht nicht in die Richtung, dass es unerfahrene Fahrer überfordert, noch schränkt es einen ambitionierten Piloten in seinen Möglichkeiten ein. Man kann einfach eine Menge Spaß haben. Die Motor-/Getriebekombination passt ebenso gut ins Bild und es gab keinen Punkt, wo mich eine dieser Komponenten bei der Kurvenhatz irgendwie gestört hätte. Lediglich die Sitze sind dafür untauglich und kosten den Piloten so eine Menge Kraft. Wenn ich mir aber überlege, wie schön es mit dieser Diesel-Giulietta bereits war, kann ich mir nur vorstellen, dass es mit der Giulietta QV erst Recht Spaß machen muss. In dieser Disziplin hat sie mich also schon mal überzeugt. Aber ob das reicht, um mich zu überzeugen? Brilliert die Giulietta damit insgesamt als Fahrzeug? Das werdet ihr dann erst im Gesamteindruck lesen, der in den nächsten Tagen folgt.


Über den Autor -

Seit dem Kindesalter drehte sich für mich immer alles um Autos. Ob ich als Kleinkind mit offenem Mund auf der Straße stehen blieb, wenn ein Ferrari 355 an mir vorbeigefahren ist, ob ich als Teenager am PC eine Rennsimulation nach der anderen bis in die Nächte hinein gezockt haben oder ob ich mir als glücklicher Führerscheinbesitzer keine Möglichkeit entgehen lassen konnte, jedes Auto zu fahren, das mir in die Hände fiel. Meinen Smart Roadster habe ich - wie man so als Informatiker eben tickt - begonnen zu debuggen und ein eigene Softwaremodifikationen dafür zu bauen. Auf der Rennstrecke und mit kleinem Engagement im Motorsport wurde nicht nur der, sondern auch sein Nachfolger - ein Renault Megane RS TCe250 - gerne und häufig gequält. Inzwischen muss ein Lotus Elise herhalten, während ich immer noch jede Möglichkeit wahrnehme, um jedes erdenkliche Auto zu fahren - und hier darüber zu bloggen.

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