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Kurze Ausfahrt, langer Text? Testfahrt im Audi R8 e-tron

Mai 31, 2013 Fahrerlebnis, Unterwegs 6 Kommentare

Einmal wie Iron Man Tony Stark fühlen? Ja, das wäre schon was. Und wisst ihr was? Ich durfte das tatsächlich! Ich hatte die Gelegenheit, ein paar Runden im Audi R8 e-tron zu drehen, inklusive viel Reifenabrieb, jeder Menge Dampf und einem Sound aus der Zukunft.




Audi R8 e-tron

Ich bin heute mal wie der typische Auto-Blogger. Geschwätzig. Denn eigentlich war der R8 e-tron ja nur ein kleines Beiwerk einer größeren Veranstaltung, des Audi future mobility lab. Einer Veranstaltung, bei welcher Audi zeigen möchte, wie man für die Zukunft forscht und entwickelt. Aber ich wäre kein so leidenschaftlicher Petrolhead, wenn ich nicht das dringende Bedürfnis hätte, über den R8 e-tron ein paar mehr Worte zu verlieren.

Audi R8 e-tron Spaceframe

Audi R8 e-tron Spaceframe aus Alu und Carbon

Dabei ist der R8 e-tron doch nichts weiter als ein R8. Oder? Nein, ganz so einfach ist die Sache nämlich nicht. Denn wo Fahrleistungen, wie eine 0-100 Zeit von 4,2 Sekunden kombiniert mit einem Drehmoment von 820 NM rein aus elektrisch gespeicherter Energie für Fahrspaß sorgen soll, muss auf der einen Seite genug Platz für Batterien sein und auf der anderen Seite in irgendeiner Form auch dem Mehrgewicht eben dieser Batterien gedacht werden. Dafür hat man den Alu-Spaceframe des R8 überarbeitet und einen Materialmix aus CFK und Aluminium gebaut. 23% des Spaceframes bestehen aus Carbon, somit konnten 23 kg gegenüber des reinen Alu-Spaceframes des normalen R8 eingespart werden. Besonders interessant finde ich z.B. die Kofferraumwanne: sieh besteht vollständig aus Carbon, welches mit speziellen wellenförmigen Strukturen für hohe Crashsicherheit sorgt. Das besondere: die Kofferraumwanne ist ein mittragender Teil der Karosserie.

Audi R8 e-tron Kofferraumwanne aus Carbon

Kofferraumwanne aus Carbon

Dort, wo ein normaler R8 seinen Getriebetunnel hat, ist beim e-tron ein Teil der Batterie untergebracht. Der gesamte Batterie-Block beginnt in der Mitte, unmittelbar hinter den Passagieren und zieht sich bis an die Vorderachse durch. 577 kg wiegt die Batterieeinheit inkl. Crash-Elemente. Die Batterieeinheit bestehend aus 530 Zellen und 100 m Kühlkanälen (ja, echt jetzt!) ist ebenfalls als tragendes Element in den Spaceframe integriert. Der Clou: damit wird eine doppelte Steifigkeit gegenüber des “normalen” R8 erreicht. Um das Thema und damit die Zahlenjongliererei abzuschließen: die Batterie hat eine Kapazität von 48,6 kWh. Das reicht, zumindest laut NEFZ, für 215 km – oder auch 2 Runden Nordschleife, die dann aber nicht ganz im NEFZ-Schema gefahren werden. Insgesamt kommen ca 80-100kg für die Elektrovariante on Top, 1.780 kg macht das Gesamt bei einer Gewichtsverteilung von 42 : 58 zwischen Vorder- und Hinterachse.

Audi R8 e-tron - Batterieeinheit

Batterieeinheit des Audi R8 e-tron

Warum all die Theorie? Weil gerade diese Zahlen das Auto ausmachen, wie ich finde. Die zentrale Frage: wie fährt sich das Ding, das nie in Produktion gehen wird, denn überhaupt? Die kurze Antwort: großartig! Aber seien wir mal ehrlich, man erwartet es nicht anders, wenn Audi Journalisten ein Auto hinstellt, dass sie nie produzieren werden. Nur um zu zeigen, man kann, es ist serienreif und es ist beeindruckend. Audi hat eigens für die Testfahrten auf dem Vorfeld des ehemaligen Flughafen Berlin Tempelhof einen ca. 1 km langen Kurs abgesteckt. Enge, als auch langgezogene Kurven gehen Hand in Hand.

Audi R8 e-tron

Dabei geht der R8 e-tron insbesondere in den engen Ecken mit einem Einlenkuntersteuern erst einmal wenig dem Richtungswunsch des Fahrers nach. Die besondere Zutat, um dem entgegenzuwirken, sitzt aber an der Hinterachse: der R8 e-tron wird nämlich von zwei Elektromotoren angetrieben, welche völlig unabhängig voneinander arbeiten können. Damit lässt sich dann nämlich auch Torque Vectoring realisieren, d.h. ein Drehmomentüberschuss am kurvenäußeren Rad. Das bewirkt, dass sich das Auto schön willig eindreht, ohne wild mit dem Heck auszukeilen.

Audi R8 e-tron

Der Effekt ist enorm: der R8 e-tron lässt sich damit trotz initialem Untersteuern so punktuell und präzise am Scheitelpunkt entlang zum Kurvenausgang bewegen, dass so mancher Sportwagen neidisch werden könnte. Dazu kommt, dass die Elektromotoren sehr viel schneller und direkter reagieren können, dazu ganz ohne mechanische Verluste, als es ein Sperrdifferenzial etwa könnte. Auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen “drive select”-Modi sind schön spürbar. Im Modus “Auto” richtet sich die Drehmomentverteilung sanft nach dem Lenkwinkel, im “Dynamic”-Modus wird dann schon ein kräftiger Momentüberschuss realisiert und der R8 e-tron lässt sich auch wunderbar quer um die Ecken zirkeln.

Audi R8 e-tron

Spezielle „Aero-Räder“ senken den cw-Wert um 0,02

Die Räder sind zudem mit speziellen Felgen versehen, welche sich ab ca. 50 km/h verschließen und so für einen besseren Luftwiderstand sorgen. Dank sehr starker Rekuperation (welche übrigens in 5 Stufen einstellbar ist) werden die Bremsen etwa an der Hinterachse nämlich kaum belastet. Auf der anderen Seite: was ist mit der Vorderachse? Richtig, da kommt keine vernünftige Kühlluft hin. Auf einem so kurzen und engen Kurs, der kaum hohe Geschwindigkeiten und damit entsprechende Luftzufuhr zu den Bremsen ermöglicht, hat das für qualmende Bremsen gesorgt..

Audi R8 e-tron

Dafür bekommt man einen Sound aus den Lautsprechern in den vorderen Radläufen spendiert, der auch in einem Science-Fiction Film nicht besser sein könnte. Hierzu habe ich auch ein kleines Video aufgenommen, auf welchem ihr den R8 e-tron mal von außen in Aktion hören könnt. Ich finde: sehr gelungen. Denn der Klang ist auch schön bassig und voluminös.

Aber was ist nun mit dem e-tron los? Ich hatte bereits darüber berichtet, dass er nie in Serie gehen wird. Und auch der Vorstand der technischen Entwicklung, Wolfgang Dürheimer hat in Berlin noch einmal bestätigt: nein, der e-tron wird nicht kommen. An der Performance kann es nicht liegen. An der Wertigkeit auch nicht, der e-tron ist ein waschechter Audi in jeder Hinsicht. Nein, es ist die Wirtschaftlichkeit. Während man bei Mercedes-Benz überzeugt ist, dass man einen SLS electric drive für über 450.000€ an den Mann (oder die Frau) bringt, sagt man bei Audi, dass eine Produktion des R8 e-tron mangels Markt einfach nicht wirtschaftlich sei oder anders gesprochen: kein Kunde will soviel Geld für ein E-Spielzeug ausgeben, welches dann doch nur 200 km weit kommt. Und so schmückt man sich mit seinem Technologieträger und zeigt, was denn möglich wäre. Irgendwie seltsam. Aber auch irgendwie schön, dieses Stückchen Technik gefahren zu sein, bevor es irgendwann ein Kapitel in den Audi-Geschichtsbüchern sein wird. Was ich sonst vom future mobility lab “mitnehmen” durfte, erfahrt ihr dann in Kürze.

Audi R8 e-tron

Technische Daten

Audi R8 e-tron

Motor-Bauart:
2 Elektromotoren mit je 140 kW und 410 NM
Höchstgeschwindigkeit:
200 km/h
Beschleunigung (0-100 km/h)
4.2 Sekunden
Leergewicht:
1.780 kg
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe):
4.431 m / 2.029 m / 1.252 m

Disclosure zur Transparenz

Ich wurde von Audi nach Berlin eingeladen. Reisekosten und Verpflegung wurden von Audi übernommen. Der Text spiegelt meine persönliche Meinung wieder.