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Weil immer noch was geht: Mercedes-Benz S-Klasse Coupé S 500 Fahrbericht

August 26, 2014 Fahrerlebnis, Neue Autos, Unterwegs 21 Kommentare

Das „beste Auto der Welt“ hat zwei Türen verloren; und das ist gut so. Aus der Mercedes-Benz S-Klasse wurde das Mercedes-Benz S 500 Coupé mit Mopped-Fahrwerk, Swarovski-Scheinwerfern, einem neu entwickelten V8-Bomber vorne und dem Antrieb an beiden Achsen.




Mercedes-Benz S-Klasse Coupé S 500

Es gibt sie ja durchaus. Autos, welche in irgendeiner Hinsicht so übertrieben sind, dass fast nur noch von Dekadenz die Rede sein kann. Gut, für viele Menschen liegt diese Schwelle bereits sehr niedrig: „Mehr als 100 PS braucht kein Mensch!“, ist so ein gern kolportierter Satz. Wobei die Zahl 100 an dieser Stelle meist direkt durch die Leistung des Fahrzeugs der entsprechend schreienden Person ersetzt werden kann. „Jeder, der mehr hat, als ich, übertreibt doch maßlos. Was ich habe, ist genug. Alle anderen sind realitätsferne Spinner.“ Was dann die Menschen bei Mercedes-Benz sein sollen, die das S 500 Coupé auf die Beine Räder gestellt haben? Nicht auszumalen. Denn das Mercedes-Benz S 500 Coupé hat einfach mehr von allem. Es IST mehr als alles. Sei es nun Leistung, Technologie, Luxus oder Sexappeal. Einfach alles.

Da wären alleine die LED-Tagfahrlichter. Auf jeder einzelnen LED steckt ein Swarovski-Kristall. Diese nach außen zelebrierte Verschwendung lässt selbst einen Rolls-Royce blass werden. Es lässt sogar Italiener, die sonst eher „Bella Macchina!“ schreien würden, wütend Dich und das Auto beschimpfen. Weil Du damit einfach jedem ganz provokativ seine Armut um die Ohren watschst, dass es schon fast verwunderlich ist, dass die Karosseriehülle nicht einfach aus abziehbaren Geldscheinen besteht, welche man für 50.000 € beim Mercedes-Händler im Rahmen einer Inspektion wieder auffrischen lassen kann.

Mercedes-Benz S-Klasse Coupé S 500

Doch es ist halt, wie es ist. Es wäre ja geradezu verschwenderisch, würde das „beste Auto der Welt“ nicht auch nach außen mit eben solch stolzgeschwellter Brust zeigen, was es ist – oder sein will. Dass der S-Klasse die neue Coupé-Form gut steht, ist ohne Diskussion. Für mich ist es der wohl schönste Stern am Stuttgarter Himmel, alleine dank der fließend in ein wunderschön gezeichnetes Heck übergehenden Formen. Schlanke und flache Rückleuchten heben das Coupé von hinten sofort erkennbar von der Limousine ab. Aber: AMG Line sollte es schon sein, sonst steht’s dann halt doch ein bisserl stelzig da.

Der Innenraum lässt hingegen kaum Luft für Kritik. Duftspender hier, Massagefunktion dort. Feinstes Leder soweit das Auge reicht, Ambient-Beleuchtung für gemütliche, nächtliche Stunden auf der Autobahn und ein nicht ganz so überzeugendes Burmester-Soundsytem. Dass das Infotainment aber auch in der neuesten Generation „bestes Auto der Welt“ vor allem durch seine träge Reaktionszeit auffällt, ist nicht nur ein bisschen beschämend. Wechselt man beispielsweise auf die „interaktive Karte“, wird per App die Google-Maps-Satellitenansicht ins riesige Display projiziert. Mit einer Bildwiederholrate von gut einem Bild pro Sekunde und einer Eingabeverzögerung von 3–4 Sekunden pro Befehl kann die Leistung des Systems höchstens als netter Versuch bewertet werden.

Mercedes-Benz S-Klasse Coupé S 500

Dass die Entwickler die allgemein gerne behaupteten Freiräume an anderer Stelle wirklich ausleben durften, zeigt sich vor allem auch unter der Haube: Der noch recht junge 4.6-Liter-Biturbo-V8 ist ein wirklich, wirklich sahniges Triebwerk. 335 kW (455 PS) leistet er, gepaart mit einem großartigen Ansprechverhalten, fantastischer Laufruhe und schier unbändiger Kraft, in Zahlen: 700 Nm Drehmoment. Aber im Gegensatz zu dem, was man von einem Nicht-AMG sonst gewohnt ist, darf der 500er auch mit einer wunderschönen akustischen Note seinen Verbrennungsvorgang kundtun. Die Klappenabgasanlage nämlich, die beim Motorstart für ein prägnantes V8-Bellen, gefolgt von einem herzerwärmend gurgeligen Kaltlauf sorgt, erfüllt auch während der Fahrt ihren Zweck, um dem Piloten mehr als nur das Gefühl von Luxus und Komfort zu vermitteln: Sportlichkeit.

Mit der ist es freilich wieder ein wenig weit hergeholt. Da hilft’s auch wenig, dass sich das S 500 Coupé optional „wie ein Motorradfahrer“ in die Kurve legt – Entwicklerfreiraum Nummer 2. Die „Kurvenneigefunktion“, ein Wort über das sich Engländer wieder köstlich amüsieren könnten, ist ein (optionaler) Teil des MAGIC BODY CONTROL-Fahrwerks. Das, was also in der S-Klasse Limousine dafür sorgen soll, dass den Passagieren beim Überfahren von Bodenwellen nicht der Schampus verschütt geht, sorgt im Coupé dafür, dass sich der Gran Turismo zwischen 15 und 180 km/h bis zu 2,5 Grad in die Kurve neigt. Die maximale Performance verändert sich dadurch natürlich nicht, die auf die Insassen wirkenden Fliehkräfte reduzieren sich dadurch aber etwas – und das ist sogar auch spürbar.

Mercedes-Benz S-Klasse Coupé S 500

So ein bisschen Wuseln und Wedeln, das geht mit dem S 500 Coupé nämlich schon. Die Lenkung ist recht direkt übersetzt, die Federung im Sportmodus immer noch geschmeidig, aber ansatzweise straff. Doch spätestens beim schnellen Umsetzen in Wechselkurven – und noch mehr spätestens beim Ankerwerfen – zeigt sich, dass das S Coupé halt vor allem auch viel Schein ist. Denn sind wir mal ehrlich: Wer hat schon einen Rennfahrer mit Kristallglassteinchen auf den Wimpern um die Rennstrecke zirkeln sehen? Richtig!

In schnellen Wechselkurven hilft alles Make-up nichts, wenn 2,1 Tonnen dem Fahrer die Definition der Masseträgheit veranschaulichen und die Bremsen per Hitzekollaps bekannt geben, dass ihnen das ständige Wechselspiel zwischen Gas und Bremse auf den kurvigen Straßen der Toskana doch ein wenig zu viel des Guten ist. Schade eigentlich, denn grundsätzlich fühlt sich das S Coupé auch im kurvigen Gewusel nicht schlecht an, wenn auch der Beifahrer mangels Haltegriff am Dach unfreiwillig durchgeschaukelt wird.

Mercedes-Benz S-Klasse Coupé S 500

Fazit

Das S 500 Coupé mag’s dann eben doch ein wenig gemütlicher – steht ihm auch besser. Denn der Innenraum weiß vor allem mit seinen Materialien, den fantastischen Sitzen und dem puren, fast schon übertriebenen Luxus zu überzeugen. Für mehr als zwei Personen ist allerdings nicht wirklich Platz, die Beinfreiheit hinter den Vordersitzen kann nicht als solche bezeichnet werden. Und auch bei der eher bescheidenen Qualität des Infotainments fühlt man sich auf Grund des eigentlich für dieses Fahrzeug geltenden Anspruches „das Beste oder Nichts“ und einem Kaufpreis von mindestens 125.000 € eher ein wenig verschaukelt. Aber dafür gibt’s ja jetzt die Kurvenneigefunktion – dann schaukelt’s auch nicht mehr so sehr, wenn man sich verschaukelt fühlt. Und im Zweifel werden es die Swarovskis schon richten.

Mercedes-Benz S-Klasse Coupé S 500

Text: sb
Bilder: Werk

Technische Daten

Mercedes-Benz S-Klasse Coupé S 500 4MATIC

Motor-Bauart:
V8 DOHC Direkteinspritzer mit Biturbo-Aufladung und Wasserladeluftkühlung
Hubraum:
4.663 cm³
Leistung:
335 kW / 456 PS bei 5.250 U/Min
Drehmoment:
700 Nm bei 1.800 – 3.500 U/Min
Höchstgeschwindigkeit:
250 km/h
Beschleunigung (0-100 km/h)
4.6 Sekunden
Verbrauch (innerorts / ausserorts / kombiniert):
13.1 L / 7.5 L / 9.9 L E10 (ROZ 95)
Grundpreis Mercedes-Benz S-Klasse Coupé S 500 4MATIC:
125.961 €
Testwagenpreis:
166.623 €
Leergewicht:
2.090 kg
Max. Zuladung:
505 kg
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe):
5.027 m / 1.899 m / 1.411 m

Disclosure zur Transparenz

Ich wurde von Mercedes-Benz nach Florenz, Italien eingeladen. Reisekosten, Verpflegung und Übernachtung wurden von Mercedes-Benz übernommen. Der Text spiegelt meine persönliche Meinung wieder.

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