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Die Sache mit den Crashtests und den deutschen Premiummarken

August 17, 2012 Straßenirrsinn 5 Kommentare

Ok, ok.. ich weiß, ihr werdet gerade ohnehin von allen Seiten mit diesem Thema beömmelt. Es macht ja gerade ganz groß die Runde, dass das Institut der amerikanischen Automobilversicherer (Insurance Institute for Highway Safety – IIHS) sich eine neue Form von Crashtests anhand ihrer Unfallstatistiken überlegt hat, bei dem diverse Hersteller reihenweise gescheitert sind. Nun wird ja gerade hierzulande Schlagzeile damit gemacht, dass sich insbesondere die deutschen Hersteller nicht mit Ruhm bekleckert, gar „blamieren würden“, wie der FOCUS schreibt. Eigentlich hat sich aber quasi jeder Hersteller blamiert, mit Ausnahme Volvo, die wirklich gut abschnitten und Acura, dem amerikanischen Nobel-Ableger von Honda, welche wohl immer noch ausreichend abschnitten. Danach gab es nur noch etwas von Infiniti zu hören und der ganze Rest darf zum Nachsitzen kommen.




VW CC Crashtest

Dass das Thema so hohe Wellen schlägt hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet, als ich vor zwei Tagen das erste mal darüber gelesen habe. Und eigentlich wollte ich auch nichts groß dazu schreiben, das Thema wird ja in allen Medien schon ausreichend durchgekaut. Wirklich überrascht war ich aber, als ich gestern Abend im Fernsehen eine Stellungnahme es Herren aus der Mercedes-Benz Unfallforschung vernehmen durfte, in welcher man nichts besseres zu tun hatte, als das Testverfahren zu kritisieren, es sei nicht normiert und und und. Sicher, Teile dieser besonders drastischen „da können wir nichts für“-Haltung gehen auch auf die Darstellung von RTL zurück. Aber dennoch war ich leicht überrascht, das zu lesen. Statt einem „Gut, dass es diesen Test gab, da sollten jetzt alle mal Gas geben und nachbessern“ wurde daraus ein „Pffff, solch ein Aufprall ist eh unwahrscheinlich und wir haben nach Euro NCAP 5 Sterne blablubb“.

"Testsieger" - Schwedenstahl, Volvo V60

„Testsieger“ – Schwedenstahl, Volvo V60

Was genau hat das IIHS denn nun getestet? Teil der üblichen Sicherheitstests und -vorschriften ist ein versetzter Frontalaufprall mit einem stehenden Hindernis. Versetzt deshalb, weil die meisten Frontalunfälle im Straßenverkehr entsprechend versetzt passieren. Dabei ist derzeitige Norm eine Aufprallfläche von 40%. Das IIHS hat im Grunde genommen genau diesen Test genommen, die Aufprallfläche aber auf 25% reduziert. Mit der Folge, dass natürlich weitaus höhere Belastungen wirken, weil weniger Fläche zum Energieabbau genutzt werden kann. Bei den meisten Fahrzeugen führte das eben dazu, dass die Fahrgastzelle stark verformt wurde, die Beine des Fahrers eingeklemmt wurden oder – wie beim VW CC – die Fahrertür herausgerissen wurde und damit kein Schutz mehr für den Fahrer gewährleistet ist. Nach den Zahlen des IIHS geht der Trend bei Unfällen nämlich eher in Richtung „weniger frontale Aufprallfläche“, womit dieser 25%-Test näher an der Realität sei. Das IIHS kritisiert zudem, dass die Knautschzonen speziell daraufhin optimiert werden, den NCAP-Crashtestnormen zu entsprechen, weniger die noch real existierenden Gefahren zu minimieren.

VW CC - ausgerissene Türe

VW CC – ausgerissene Türe

Jetzt bin ich natürlich kein Unfallexperte, da wäre der Markus Winninghoff der bessere Ansprechpartner, aber ganz nüchtern betrachtet: wenn nachweisbar ist, dass mehr Unfälle mit dieser geringeren Aufprallfläche passieren, dann sollte da doch gar nicht lange um den heissen Brei herumgeredet werden. Ist es denn so schwer zu sagen „Jawoll, das hatten wir so nicht auf dem Schirm, wir haben andere Zahlen“ und dann beginnt man in diese Richtung hinzuentwickeln? Mit dieser Defensivhaltung und bloß Verantwortung von sich weisen, setzt man sich doch nur selbst ein Ei ins Nest und wirkt unglaubwürdig, oder nicht? Also hopp, hopp, Gas geben und nachbessern bitte! Das IIHS will diesen Crashtest jetzt übrigens ins Standardtestverfahren aufnehmen und die Hersteller damit unter Druck setzen.