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Starlight Express: Rolls-Royce Wraith Fahrbericht

September 24, 2013 Fahrerlebnis, Unterwegs 8 Kommentare

Besondere Tage erfordern besondere Maßnahmen. So gibt es Tage, an welchen man auch als Auto-Blogger das Gefühl hat, Jeans und Shirt seien nicht genug und man sollte sich vielleicht doch etwas eleganter kleiden. Auch wenn das bedeutet, dass man nach wie vor – gerade wenn es sich noch dazu um einen Informatiker handelt – schlecht genug gekleidet sein dürfte, um aus den meisten besseren Casinos verwiesen zu werden. Dennoch: ich hatte das Gefühl, mich an diesem Tag eben dieses bisschen besser kleiden zu müssen, um mich das erste Mal hinter das Steuer eines Rolls-Royce zu setzen, den Wraith, um genauer zu sein. Und eigentlich wäre es egal gewesen, wie ich mich gekleidet hätte – underdressed hätte ich mich wohl auch im Smoking gefühlt.




Rolls-Royce Wraith

Doch, wer fühlt sich schon nicht underdressed, wenn er neben einem Rolls-Royce steht? Da macht selbst die S-Klasse nebenan ein langes Gesicht und sogar der Fahrgast im Fond seines Audi A8 senkt für einen Moment die Tageszeitung, um einen Blick auf den Wraith zu erhaschen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass zwei viel zu junge Knalltüten auf den vorderen Sitzen des Wraith sitzen und der eine hinterm Steuer mit abgeschaltetem DSC gerade auslotet, ob die Steuerelektronik des Wraith auch Burnouts zulässt. Tut sie.

Rolls-Royce Wraith

Und damit kommen wir zum Kern der Sache: Rolls-Royce will mit dem Wraith den Fahrer in den Mittelpunkt stellen. Und das soll nicht der Chaffeur sein, sondern der Besitzer. Deshalb hat der Wraith auch nur 2 Türen und obwohl er auf dem Ghost basiert, wurden Fahrwerk und Antrieb grundlegend überarbeitet. Ein V12 mit 6,6 Litern Hubraum und zwei Turboladern. 458 kW (623 PS) zaubert dieses Triebwerk aus dem Hut. Und all das wird mit voller Vehemenz an die Hinterachse übertragen. 800 NM Drehmoment fallen dann über die Hinterräder her. Der Wraith schiebt gewaltig an. Mit Vehemenz und unabdingbarem Fortbewegungswillen, ohne aber dabei wüst oder ungehobelt zu wirken. Lässt man Wraith erst einmal von der Leine, lässt er, im Gegensatz zu seinen Brüdern, auch von sich hören. Nicht aufdringlich, nicht vulgär, aber gerade genug, um eine kernige Untermalung zur Beschleunigungsorgie zu bekommen und zu vernehmen, dass dort vorne 12 Töpfe in einer Zündfolge, welche der Länge einer Telefonnummer entspricht, verrichten. Und bei all dieser Gelassenheit, welche der Wraith dabei ausstrahlt, muss man sich mit dem Blick auf den Tacho erst wieder bewusst machen, dass sich Raum und Zeit wohl gerade krümmen. Anders erscheint es kaum möglich, dass die 2,3 Tonnen Lebendgewicht so schnell und vehement in die elektronische Geschwindigkeitsregelung bei 250 km/h stürmen. Dabei fühlt sich der Wraith noch so entspannt an, als würde man im Tempomat fahren. In einer Geschwindigkeit, welche für österreichische Autobahnen deutlich verträglicher wäre. Und weil ein Auto-Blogger ohne Führerschein kein Auto-Blogger wäre, geht es besser von der Bahn runter. In die Berge. Dem perfekten Terrain für einen sportlichen Gran Turismo.

Rolls-Royce Wraith

Und da kommen sie: die Stimmen der Kritiker. Was um alles in der Welt, hat ein Rolls-Royce Wraith auf kurvigen Alpenstraßen verloren? Mit 2,3 Tonnen und einer Länge von gut 5,30m wäre der Wraith sicher auch nicht meine erste Wahl, um das Stilfser Joch zu stürmen (zumindest nicht, solange eine Hinterachslenkung den Wendekreis auf unter 10 Meter reduziert kriegt). Und dennoch fühlt sich der dynamische Bruder des Ghost hier nicht fehl am Platz. Alleine das vollständig abschaltbare DSC hilft, Kurvenradien auf ein Minimum zu reduzieren – sofern die Hinterachse entsprechend Platz hat..

Rolls-Royce Wraith

Seine direkte, aber für dieses Geläuf doch etwas zu leichtgängige Lenkung und das adaptive Fahrwerk, welches kaum eine Spur jeglicher Wankbewegungen aufkommen lässt, machen den Wraith zu einem überraschend wendig und agilen Coupé. Rassiger Sportwagen? Keinesfalls. Unterhaltsam? Absolut! Ein wichtiger Sparringpartner hierfür ist aber vor allem die 8-Gang-Automatik von ZF. Zwar gibt es keine manuelle Schaltmöglichkeit – bei einem Rolls-Royce soll eben alles möglichst „effortless“, also ohne Aufwand für den Fahrer sein – aber die Automatik wartet mit einer Satelittenunterstützung auf. Das bedeutet kurz gesagt: abhängig vom aktuellen Fahrstil des Fahrers, definiert durch Geschwindigkeit, Bremszeitpunkt usw, ermittelt das Getriebe mit Hilfe des GPS-Kartenmaterials den optimalen Gang für die nächste Kurve. Ist man eher ruhig unterwegs, wird der aktuell hohe Gang eher gehalten. Ist man sportlicher Unterwegs und nähert sich einer engeren Kurve, schaltet das Getriebe selbstständig frühzeitig zurück. So wird sichergestellt, dass man am Kurvenausgang im richtigen Gang ist, um vernünftig und ohne Verzögerung beschleunigen zu können.

Rolls-Royce Wraith

Vergleichen wir das einmal mit konventionellen Getrieben, ist es entweder so, dass man im Kurvenausgang aufs Gas geht, das Auto dann erst realisiert, dass es zügig vorwärts gehen soll, die Gänge sortiert und erst dann die passende Drehzahl anliegt. Oder man schaltet in den Sportmodus des Getriebes und es schaltet beim Anbremsen auf die Kurve bereits frühzeitig herunter. Der Wraith kann das ganz von alleine, ohne dass ich ihm erst sagen muss, dass ich gerade sportlich fahre. Es ist eine Kleinigkeit. Eigentlich. Aber doch irgendwie beeindruckend.

Rolls-Royce Wraith - Starlight Headliner

Sicher, dann gibt es noch all den Luxus, den Sitzkomfort, auch wenn ich mir klimatisierte Sitze gewünscht hätte. An den hinten angeschlagenen und per Knopfdruck zu schließenden Türen prangt auf der Innenseite feinste Canadel-Holzpanel, welche nicht lackiert sind und so offenporig ein wohlig warmes Ambiente ausstrahlen und sich ganz fantastisch anfassen. Sehr spektakulär ist auch der „Starlight Headliner“ genannte Dachhimmel, welcher von Hand mit rund 1.800 Lichtleiterfäden bestückt wurde und so ein wunderschönes Sternenlicht an den Dachhimmel zaubert. Oder die im Dachhimmel befindlichen „Exciter“-Lautsprecher des Bespoke-Audiosystemes, welche „einfach nur“ niederfrequente Schallwellen absondern, um die Schallwellen der weiteren Lautsprecher leicht zu „verstören“. Dies soll dafür sorgen, dass die Musik nicht mehr zu orten sein soll und gefühlt von überall her den gesamten Raum füllt. Das Ergebnis: es funktioniert.

Rolls-Royce Wraith

Fazit

Kurzum: der Rolls-Royce Wraith ist ein fantastischer Ort, um sich wohlzufühlen. Ja sicher, Platz im Fond ist auch ausreichend, man könnte sich also auch chauffieren lassen. Wenn man denn wollte. Tatsächlich aber will man selbst am Steuer des Wraith sitzen. Jeden Kilometer mit ihm genießen und auch bei der Wahl der schönsten Strecke zwischen zwei Punkten – einer Kurve – nicht das Gefühl haben müssen, im falschen Fahrzeug zu sitzen. Der Rolls-Royce Wraith ist der Rolls geschaffen für die Menschen, die noch selbst fahren möchten. Ein GT, mit welchem man in Deutschland startet und zum Ferienhaus nach Italien fährt. Nicht auf der Rückbank, sondern am Steuer. Nicht auf direktem Weg, sondern über die Pässe. Dort, wo es sich lohnt noch selbst hinterm Steuer zu sitzen. Und eigentlich ist es egal, wie du dich im Wraith kleidest: er ist ein Driver’s Car. Er ist dein Anzug. Er erwartet von dir nicht, fein gekleidet auf der Rückbank chauffiert zu werden, denn hier hält man selbst das Steuer in der Hand. Da ist ein Smoking doch ohnehin eher hinderlich.

Braucht man so ein Auto? Ganz sicher nicht. Will man so ein Auto? Irgendwie schon! Will man so ein Auto auch mit unter 30 Jahren? Wenn nicht diesen Rolls, dann keinen anderen – auch wenn man sich an die seltsamen Blicke gewöhnen muss. Aber da könnte es auch helfen, mit der Emily auf der Haube einfach mal nicht quer um die Kurve zu kommen – unter Sakko und Hemd trug ich eben doch nur ein T-Shirt. Mit einer Aufschrift. Hoonigan.

Technische Daten

Rolls Royce Wraith

Motor-Bauart:
V12 TwinTurbo-Motor mit 48 Ventilen und Benzin-Direkteinspritzung
Hubraum:
6.592 cm³
Leistung:
465 kW / 632 PS bei 5.600 U/Min
Drehmoment:
800 Nm bei 1.500 – 5.500 U/Min
Höchstgeschwindigkeit:
250 km/h
Beschleunigung (0-100 km/h)
4.6 Sekunden
Verbrauch (innerorts / ausserorts / kombiniert):
21.2 L / 9.8 L / 14 L Superbenzin (ROZ 95)
Testwagenpreis:
365.000 €
Testverbrauch:
23.6 Liter / 100 km über 200 km
Leergewicht:
2.360 kg
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe):
5.269 m / 1.947 m / 1.507 m

Disclosure zur Transparenz

Ich wurde von Rolls Royce nach Wien eingeladen. Reisekosten und Verpflegung wurden von Rolls Royce übernommen. Der Text spiegelt meine persönliche Meinung wieder.