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Allradtest: Mercedes-Benz CLA 250 4MATIC im Schnee

Dezember 12, 2013 Fahrerlebnis, Technik, Unterwegs 8 Kommentare

Mit dem CLA, der A-Klasse, dem bald kommenden GLA und natürlich der B-Klasse hat Mercedes-Benz bereits ein breites Portfolio im Kompaktsegment. Eine Verkaufsargument hatte man aber bisher der Konkurrenz aus Ingolstadt und München überlassen: Allradantrieb. Abhilfe soll das nagelneu entwickelte 4MATIC-Allradsystem für die Kompaktklasse schaffen, welches zu den leichtesten Systemen in dem Umfeld zählt. Die Frage ist: notdürftig drangeflanschte Schnelllösung für Marketingzwecke oder ernstzunehmendes Allradsystem? Davon konnte ich mir auf dem zugeschneiten und eigens hierfür freigebebenen Timmelsjoch ein Bild machen.




Mercedes-Benz CLA 250 4MATIC am Timmelsjoch

Wer hier regelmäßiger liest, weiß, dass die Tiroler Alpen inzwischen schon sowas wie mein zweites zu Hause sind. Ok, vielleicht eher das dritte zu Hause – zuvor kommt noch die Nordschleife. Insofern hat es mich umso mehr gefreut, auf dem zugeschneiten, vereisten und eigens hierfür während der Wintersperre freigebenen Timmelsjoch die Möglichkeit zu haben, das 4MATIC-Allradsystem der Mercedes-Benz-Kompaktklasse austesten zu können. Werfen wir aber erst einmal einen Blick unter die Haube. Als Testfahrzeug kam die meiste Zeit ein CLA 250 4MATIC zum Einsatz. Darin verrichtet ein 2-Liter-Turbobenziner seinen Dienst und leistet 155 kW (211 PS) und ist mit 350 NM auch mit einem üppigen Drehmoment gesegnet.

Mercedes-Benz CLA 250 4MATIC am Timmelsjoch

Den Allradantrieb gibt es bei den kompakten Sternen allerdings nur mit dem neuen 7G-DCT-Doppelkupplungsgetriebe, welches mit der neuen A-Klasse erstmals Einzug halten durfte. Für den Allradantrieb wurde in das 7G-DCT eine Power Take-Off-Unit (PTU) integriert. Vorteil hierbei ist, dass keine zusätzliche externe Komponente für das Allradsystem notwendig ist und die PTU über den Ölhaushalt des Getriebes mit Schmierstoff versorgt wird. Das hält das ganze System kompakt und leicht. Von dieser PTU führt eine Gelenkwelle an die Hinterachse, an welcher ein neu-entwickeltes Hinterachsgetriebe integrierter hydraulisch gesteuerter Lamellenkupplung zum Einsatz kommt. Hierüber wird die Momentverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse vollvariabel geregelt. Im Regelfall findet die Lastverteilung an die Vorderachse statt, die Hinterachse wird nur so viel wie eben notwendig angesteuert, um dem Benzinverbrauch entgegenzukommen. Trotzdem ist dank der Lamellenkupplung eine vollvariable Lastverteilung zu bis zu 100% in jede Richtung möglich.

Mercedes-Benz CLA 250 4MATIC am Timmelsjoch

Vermissen kann man an dem ganzen Sytem höchstens noch eine Quersperre, welche sich aktiv um die Momentverteilung zwischen den Rädern einer Achse kümmert, hier muss leider eine rein elektronische Lösung herhalten, welche über Bremseingriffe die Wirkung eines sperrenden Differenziales simuliert. Der Vorteil dieses kompakten und zum Teil bereits ins Getriebe integrierten Systems sollen ein äußerst hoher Wirkungsgrad und das geringe Systemgewicht sein, das – so sagt es Mercedes-Benz – bis zu 25% unter dem der Mitbewerber liegen soll. Wer es genau wissen will, dem empfehle ich noch das folgende Technologie-Video zum 4MATIC Allradsystem in der Kompaktklasse:

Genug der technischen Worte, denn schließlich entscheidet der Fahreindruck darüber, ob das System funktioniert. Dem Fahrer stehen, wie auch in den frontgetriebenen Modellen, unterschiedliche Fahrmodi zur Auswahl, Eco, Sport und Manuell. Allerdings haben diese Modi in den 4MATIC-Modellen auch Einfluss auf die Arbeitsweise des Allradantriebs. Der Eco-Modus lässt – welche Überraschung – die Hinterachse die meiste Zeit außen vor und verteilt nur im akuten Fall von Schlupf Moment an die Hinterachse. Im Sport-Modus, im Grunde das gleiche, wie auch der manuelle Modus, allerdings mit automatischen Gangwechseln, wird hingegen auch bei Kurvenfahrten unter Last ausreichend Moment an die Hinterachse geleitet. Was so trocken klingt, sorgt im Trockenen bereits für deutlich mehr Fahrspaß: der CLA 250 4MATIC ist damit kein notorischer Untersteuerer, lässt sich unter Last sehr präzise durch jede Kurve scheuchen – das Drehmoment an der Hinterachse ist deutlich spürbar und der Fahrdynamik absolut zuträglich – für mich eine kleine Überraschung, hätte ich doch mit einem sehr viel konservativerem Auftritt gerechnet.

Mercedes-Benz CLA 250 4MATIC am Timmelsjoch

Mit deaktiviertem ESP, wobei die Regelsysteme nie vollständig abschaltbar sind und der Begriff „toleranteres ESP“ wohl treffender wäre, lässt sich der CLA 250 4MATIC so wunderbar in Kurven hineinwerfen. Weiß man dann noch mit Lastwechseln umzugehen, kann man auch seichte Heckschenks provozieren und dann die Kraft des Allrades nutzen, um sich schnell aus der Kurve hinauszufräsen. Hat die Vorderachse dabei ausreichend Schlupf, geht auch genug Moment an die Hinterachse, um sich mit leichtem Lastübersteuern Richtung Kurvenausgang zu bewegen. Lediglich das 7G-DCT macht bei allzu sportlicher Fahrweise einen etwas unmotivierten Eindruck, insbesondere wenn es um das Herunterschalten beim scharfen Anbremsen geht, die für Bergstraßen etwas ungünstige Getriebeübersetzung (der zweite ist zu kurz, der dritte zu hoch angesetzt) oder das selbstständige Hochschalten noch gut 500 Umdrehungen vor dem rot markierten Drehzahlbereich.. Aber gut, ich bin ja nicht eingeladen, um die fahrdynamischen Qualitäten des CLA auszuloten – auch wenn ich das mit Fabian am Beifahrersitz bei einem kurzen Abstecher auf die Ötztaler Gletscherstraße durchaus bis auf die vielzitierte letzte Rille … ach, lassen wir das 😉 Wir hatten unseren Spaß auf dieser schönen Bergstraße 😉

Mercedes-Benz CLA 250 4MATIC am Timmelsjoch

Stattdessen spulen wir ein paar Stunden vor und stehen an der Mautstraße zu Beginn der Timmelsjoch-Hochalpenstraße auf österreichischer Seite: endlich genug Möglichkeit, die wahren Qualitäten des 4MATIC Allradsystems auszuloten. Mit „tolerentem ESP“ geht es bis zur Passhöhe, der Grenze zwischen Österreich und Italien. Die ersten Kurven, seicht bergab. Mit einem Gasluper lässt sich ein ordentliches Übersteuern erzwingen, Gas geben, das Antriebsmoment geht dortin, wo man es erwartet und der CLA 250 4MATIC zieht sich in einem lässigen Drift um die Kurve. Dann herum ums „Windeck“, jetzt kommt das schnellste Stück: auf vereister Strecke wird voll durchbeschleunigt, die Continental-Winterräder krallen sich ins Eis und CLA zieht sich spurstabil ohne auch nur ein klein wenig zu zucken auf über 150 km/h. Respekt, würde man hier nicht das Eis durchblitzen sehen, würde man kaum glauben, dass es so glatt ist – 4MATIC bügelt das lässig glatt, die Lastverteilung erfolgt quasi verzögerungsfrei – spürbar ist das jedenfalls nicht.

Mercedes-Benz CLA 250 4MATIC am Timmelsjoch

Dann der spannende Teil: die Kehren vor der Passhöhe. Frühes Anbremsen nach dem vorangegangenen Temporausch nicht vergessen – bremsen tun sie schließlich alle gleich, ob Allrad oder nicht. Sanft in die Kehre einlenken und noch vor dem Scheitelpunkt aufs Gas. Die Last geht sofort an die Hinterachse, der CLA dreht sich kontrolliert und gut beherrschbar ein und zieht sich mit leicht heraushängendem Heck auf zur nächsten Kehre. Der 4MATIC Allrad erfüllt seinen Job perfekt. Meine größte Überraschung des Tages: die Abstimmung ist dabei durchaus unterhaltsam gelungen und man hat nicht das Gefühl unter einer auf Sicherheit gedrungenen Spaßbremse zu leiden. Dass ich noch den ganzen Tag das Timmelsjoch auf- und abfahren könnte, sagt wohl mehr als genug. Für Käufer in alpinen Regionen sind die kompakten Allradler damit sicherlich eine gute Wahl und auch für den etwas fahrdynamischeren Auftritt sollte man das 4MATIC System in Betracht ziehen – insbesondere die A-Klasse oder der CLA mit 4MATIC als „Sport“-Edition sollten sehr unterhaltsam ausfallen.


Disclosure zur Transparenz

Ich wurde von Mercedes-Benz nach Hochgurl (Österreich) eingeladen. Reisekosten, Verpflegung und Übernachtung wurden von Mercedes-Benz übernommen. Der Text spiegelt meine persönliche Meinung wieder.