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#thepluses2 – Am Höhepunkt angekommen (Teil 3)

Juli 10, 2014 Aus dem Leben eines Enthusiasten, Passion, slider-feature, Unterwegs 12 Kommentare

Nach unserem Fehlschlag am Col de l’Iseran am Morgen war klar, dass unsere Zeitplanung nun nicht mehr zu halten ist. Unser Ziel für die Übernachtung werden wir nicht mehr erreichen, wir müssen also irgendwo zur Übernachtung improvisieren. Trotzdem wollten wir aber unbedingt noch ihn mitnehmen, den Col de l’Izoard. Also ging ich regelmäßig allen auf die Nerven, nirgends zuviel Zeit zu verlieren und ließ die ganze Zeit ständig ein Wort fallen: „Izoard! Izoard!“. Soviel voraus: es sollte klappen. Das Problem war allerdings auch, dass das Fotografieren im Laufe des Tages ein wenig zu kurz kam – seht es uns nach!




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 Pass #8: Col du Galibier, 2642m

Der Galibier gilt laut vieler Aussagen als einer der schönsten Pässe der Route des Grandes Alpes. Nachdem wir vom gesperrten Iseran aufgebrochen waren, stand für uns aber fest, dass auch der Galibier kein Teil unserer Route sein wird – auch er war leider noch gesperrt. Und daher mussten wir eine Entscheidung treffen: auf Teufel komm‘ raus jeden RDGA-Kilometer mitnehmen und trotzdem bis zur Sperre am Galibier fahren oder so wenig Zeit wie möglich verlieren und einen Umweg von 1 1/2 Stunden über Autobahnen in Kauf nehmen.

Der Hardcore-Tourenfahrer hätte wohl ersteres gemacht. In Anbetracht unseres Zeitdrucks und der fehlenden Motivation zur nächsten Sperre zu fahren, entschieden wir uns aber für den schnellen und komfortablen Ausweg: ab auf die Autobahn.

Pass #8.1: Col de la Croix de Fer, 2.068m

Die Autobahn A43 führte uns schließlich in das malerische Örtchen Saint-Jean-du-Maurienne. Denn, Autobahn hin oder her, unsere Ausweichroute war natürlich auch nicht einfach nur eine normale Ausweichroute. Denn hier, in der Ecke um den Galibier und Col du Lautaret gibt es einige Pässe, die in einem großen Dreieck liegen. Hier könnte man vermutlich Tage verbringen und sich immer neue Rundstrecken über etliche Kombinationen von Pässen überlegen. Unser nächstes Ziel war der Col du Lautaret, welcher als nächster RDGA-Pass unmittelbar auf den Galibier folgt. Den Weg dorthin wählten wir etwas westlich gelegen über den Col de la Croix de Fer, dessen Anfahrt sich irgendwo in dem erwähnt malerischen Örtchen verstecken sollte.

#thepluses2 - Route des Grandes Alpes | Col de la Croix des Fer | Audi R8 V10 Spyder RS5 Cabriolet

Unsere Navis waren mit der Situation überfordert – wir irgendwie auch. Und so fuhren wir 3-4 Schleifen durch den Ort, bis wir schließlich ein Schild zum Col de la Croix de Fer fanden. Die Auffahrt zog sich und zog sich: gute 30 Kilometer Strecke legt man ins Gebirge hinein zurück, um sich der Passhöhe zu nähern. Alles hier und da etwas kurvig, aber auch nicht sonderlich spektakulär. Erst die letzten Kilometer vor der Passhöhe haben es dann wirklich in sich und offenbaren einen spektakulären Blick auf die beeindruckende Naturkulisse. Aber auch hier ist Rasen eher keine gute Idee: die Straße ist eng, der Zustand teilweise schlecht, Geröll und Gestein findet sich alle paar Meter. Und trotzdem: Gang für Gang haben wir in den beiden Audi eine Stufe nach der nächten durchgefeuert. DerRS5 brüllt sein für Audi-Verhältnisse ungewohnt drickiges Geschrei in die Bergwelt hinaus, während Can im R8 von hinten vor allem durch sein Zwischengasgebell beim Anbremsen in die Serpentinen zu vernehmen ist: „BRÖBBÖMM, BRÖBBÖM!“. Auch wenn wir oben an der Passhöhe angekommen im Nebel versunken sind, lohnt sich die Fahrt über den Col de la Croix de Fer alleine Landschaftlich. Ich würde gar empfehlen: am besten einen Tag hier in der Ecke einplanen und alle umliegenden Pässe – z.B. Col du Glandon, Col de Poutran, Alpe d’Huez – auf und ab fahren.

Pass #9: Col du Lautaret, 2.057m – Schnelle Kurven für ein Halleluja

Wenig später konnten wir wieder auf die D1091 einbiegen und waren damit endlich wieder offiziell auf der Route des Grandes Alpes, genauer gesagt auf dem Weg zum Col du Lautaret. Das schlechte Wetter des Morgens und die grauen Wolken vom Croix de la Fer ließen wir glücklicherweise hinter uns. All das hing in der Bergkette rund um den Galibier fest. Vor uns öffneten sich die Wolken und gaben eine wunderschönen blauen Himmel frei. Gerade so gespickt mit dem ein oder anderen Wölkchen, um unsere Euphorie im Zaum zu halten.

Die Auffahrt zum Lautaret ist wenig spektakulär. Die gut ausgebaute, breite Straße in dieser eher weitläufigen Höhenlandschaft ist keine fahrerische Herausforderung, der Blick auf die umliegenden Gebirge bietet dafür umso mehr Reiz. Trotzdem stieg auch in mir wieder die Motivation. Den Izoard könnten wir ja tatsächlich heute noch schaffen! Zu der Zeit war mir allerdings auch noch nicht ganz klar, wie nah die nächsten Pässe beieinanderliegen.

Die Passhöhe des Col du Lautaret mutet ein wenig skurril an: hier oben ist die Straße sehr breit, so als wolle könne man hier ein ganzes VLN-Startfeld durchschicken. Gleichzeitig ist die Passhöhe vor allem eines: eine große Kreuzung, denn es kommt auch noch eine Straße von links den Berg hinunter, nämlich vom Col du Galibier. Argh! Da ist er wieder der Schmerz! Wie ein Stich ins Herz fühlt es sich an, dass wir den Galibier nicht fahren dürfen und der Blick dort hinauf ist mehr als einladend. In diesem Moment dort oben schwor ich mir: „Du, lieber Galibier, kannst mich nicht verschaukeln – mich wirst Du noch zu Gesicht kriegen!“.

Auf dem Weg nach unten zieht sich vom Lautaret ein schönes, malerisches Tal den Berg hinunter. Die Strecke selbst ist an und für sich keine besondere Herausforderung, die weitflächige Straße, langezogene Kurven und die gute Einsicht in alle Ecken der Strecke erlauben es aber, hier ein bisschen mehr Spaß zu haben und die Straße trotzdem in ganzen Zügen zu genießen. Mit offenem Dach wirft sich der RS5 den Berg hinunter. Eine erste lang, sehr lang gezogene Rechtskurve erlaubt es, sich immer weiter dem Grenzbereich zu nähern, bevor eine Bodenwelle das Auto schlagartig versetzt. Der RS5 schluckt das locker weg. Zum ersten Mal ist der Audi voll und ganz zu spüren, legt er seinen Charakter offen. Die sportliche Dämpferabstimmung des Fahrwerks wäre jetzt fehl am Platz, er würde zu unruhig werden. Die nächsten Kurven, selbst wenn hart und im ABS-Regelbereich angebremst schüttelt er locker aus dem Ärmel und es zeigt sich: man muss ihn unter Zug halten, selbst bergab. Dann belohnt er dich richtig. Der R8 im Rückspiegel wird indes immer kleiner, zu sehr bin ich gerade von dieser eigentlich so schlichten, aber schönen Abfahrt gefasst.

Unten angekommen, werden die Boliden noch ein letztes Mal vor dem Izoard betankt. Der Blick aufs Navi verrät, dass es jetzt nur wenige Kilometer zum Izoard sind, die Vorfreude steigt.

Pass #10: Col de l’Izoard, 2.356m – Driver’s Heaven Reloaded

Obwohl ich den Izoard als Highlight erwartet hatte, hat er uns dann doch unerwartet stark aus den Socken gehauen. In Briancon lassen wir den Q7 hinter uns, wir wollen jetzt einfach nur fahren, diesen Pass ganz in uns aufsaugen und in seiner ganzen Herrlichkeit genießen. Wie sich dieser Pass entwickelt und vor einem auftut, ist nur schwer in Worte zu fassen. Ein ständiges Wechselspiel zwischen durch seichte Kurven ausgelöster Begeisterung, aufgeregten Emotionen und kurzen Cooldown-Phasen. Vielleicht lässt es sich auch so gut beschreiben: als ich mir später die Onboard-Aufnahmen unserer Auffahrt aus dem R8 mit Can am Steuer angeschaut habe, lässt sich an einer Stelle sehr gut sehen, wie sich Cans konzentrierter Blick auf die Straße fokussiert. Kurven folgen auf Kurven und plötzlich ist da dieser Moment: Can realisiert, was hier gerade passiert. Was für eine Majestät von Straße wir hier mit diesen beiden Boliden unter die Räder nehmen. Der konzentrierte Blick weicht erst einem leichten Grinsen, das fließend in ein breites, das ganze Gesicht vereinahmendes Grinsen übergeht.

#thepluses2 - Route des Grandes Alpes | Col de l'Izoard Road Trip

Genau so fühlte es sich auch an. Nein, stupides abspulen von Serpentinen, das wäre dem Izoard zu einfach. Das kann schließlich jeder. Stattdessen fügt sich eine Kurve in die nächste, eine Serpentine folgt, die nächste folgt, wieder 2-3 Kurven, die nächste Serpentine. Noch während das Auto beim Herausbeschleunigen aus dieser Serpentine gerade auf der Suche nach Traktion ist, knickt sich die Straße wieder nach links in einer Kurve hinein, die sich weiter zuzieht und in die nächste Serpentine übergeht.

#thepluses2 - Route des Grandes Alpes | Col de l'Izoard

Der RS5 und ich … wir verschmelzen hier oben zu einer unfassbaren Einheit. Endlich habe ich gelernt, wie man den suzukagrauen Blitz mit seinem Sportdifferenzial an der Hinterachse richtig bewegen muss: immer druff uff den Pinsel! Beschleunigen, hart abbremsen, einlenken – dank Progressivlenkung eine spielend leichte Übung. Dann leichtes Untersteuern. Kein Problem, einfach die Lenkung weiter zumachen und mit vollem Gottvertrauen ans Sportdifferenzial Vollgas anlegen. Die Steuerelektronik kapiert, dass hier jetzt ein wenig Magie gewünscht ist, sperrt die Hinterachse und der RS5 frisst sich eng in die Kurve hinein und schmeißt sich mit einem seichten Übersteuern aus der Kurve hinaus. Es macht süchtig, ich kann davon nicht genug bekommen und fahre jede Kurve noch ein wenig schärfer, noch ein wenig flotter an – und der RS5 macht all das mit. Erst dann wird auch mir klar, was hier gerade passiert, welche Klanggewalt der R8 entfaltet, während Can aus der einen Kurve herausbeschleunigt und ich wenige Meter darüber die übernächste Anbremse.

Kann eine Straße Leidenschaft sein?

Allmählich wird die Luft aber dünner, der RS5 hat zu kämpfen. Jedes Pferdchen wird hier bis aufs letzte gefordert und auch die Lautstärke nimmt deutlich ab. Wir sind aber beide in völliger Ekstase, haben nur noch den Blick auf die unfassbare Straße vor uns. Timmelsjoch? Klar, nett. Aber der Izoard. Wow! Wenn man sich dann nur für einen kurzen Moment vorstellt, dass der Galibier oder gar der Iseran noch besser sein sollen… also NOCH besser. Dann weiß man, warum diese Route ins festes Reportoire eines jeden Petrolhead gehört.

#thepluses2 - Route des Grandes Alpes | Col de l'Izoard

An der Passhöhe angekommen springen Can und ich sofort aus dem Auto. Wir schweigen uns an. Unsere Blicke müssen jetzt genügen. Und sie sagen mehr als tausend Worte. Unsere Münder wollen wir erst öffnen, wenn der Q7 mit Kameramann Jonas oben angekommen ist, wir wollen einfach unsere Emotionen unverfälscht einfangen, jedes Wort, das wir hierüber zu verlieren haben.

#thepluses2 - Route des Grandes Alpes | Col de l'Izoard

Nach dem Vergnügen folgt die Arbeit: schließlich will dieser Pass auch adäquat auf Film festgehalten werden. Deutlich über 3 Stunden verbringen wir hier oben, fahren den Pass auf und ab. Es gibt schlimmeres. Aber das Wetter zieht sich zu, es wird wolkig, windig und kalt, es beginnt zu regnen, oben auf 2.000m wird daraus eher Schnee. Aber das macht nichts. Wir könnten immer so weiter machen. Noch 20 mal den Izoard herunter- und wieder hochfahren. Von der Straße bekommt man nicht genug. Aber schließlich müssen wir noch eine Unterkunft finden, vom Tageslicht ist längst nicht mehr viel übrig geblieben.

#thepluses2 - Route des Grandes Alpes | Col de l'Izoard

Auf der Suche nach dem Sternenhimmel

In der Dunkelheit und im Regen fahren wir den Col de l’Izoard schließlich auf seiner Südseite wieder hinunter. Jetzt sollten wir hier in der Einsamkeit möglichst bald ein Hotel finden. Zwischen den Saisons gar nicht so einfach. Die Ski-Saison ist bereits vorbei, die Motorradsaison hat noch nicht ganz begonnen. Nach einigen Anläufen finden wir schließlich im La Ferme De L’Izoard eine gemütliche Bleibe. Die Küche hat längst geschlossen, aber das nette Personal bietet uns an, ein paar kalte Speisen improvisiert zu servieren. Während das Essen vorbereitet wird, räumen wir die Autos auf. Die Erschöpfung ist uns allen anzusehen, die Müdigkeit gewinnt eindeutig überhand.

#thepluses2 - Route des Grandes Alpes | Col de l'Izoard

Nach der umfangreichen und auch um diese Zeit noch liebevoll zubereiteten Mahlzeit voller leckerem Käse, Schinken, Salat und anderer Köstlichkeiten ist Can und mir aber klar: wir sind für heute noch nicht fertig. Der Sternenhimmel. Unser perfektes Foto. Der perfekte Moment, das war unser eigentliches Ziel. Aber als wir auf den Parkplatz herausgehen ist klar: die Sache mit dem Sternenhimmel, das wird nichts. Keine Chance, dichte Wolken, Nebel. Hier in dieser perfekten nicht von Lichtverschmutzung geplagten toten Gegend bleibt uns der Moment verwehrt, das traumhafte Foto der beiden Sportwagen unter einem unendlich tiefen Sternenhimmel zu schießen. Es schmerzt, eine bittere Niederlage.

Geknickt gehen wir in unsere Zimmer und machen noch ein paar letzte Interview-Aufnahmen. 1 Uhr vergeht, bis die im Kasten sind. Noch einmal eine ganze Zeit mehr, bis alle Geräte und Akkus an der Stromversorgung angeschlossen sind. Den Blick auf die Uhr wagt längst niemand mehr: auf 5 Uhr sind unsere Wecker gestellt.

Text: sb
Fotos: Can Struck

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