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VW Golf R VII Fahrbericht – Wintersport ist back!

Januar 7, 2016 Fahrerlebnis, Testwagen 20 Kommentare
Der Neujahrskater hängt uns allen noch in den Knochen, wie auch der erste Schneefall des neuen Jahres, der auf den deutschen Autobahnen und Flughäfen (nicht wahr, Jens?) schon wieder für Chaos gesorgt hat. Nachdem der Rausch ausgeschlafen und die Berge eingeschneit sind, pilgern die Deutschen wieder: zum Skifahren. Das heißt: hier gibt es auch dieses Jahr wieder ein paar Wintersportler. Auf rädern, selbstredend. Und Allrad muss es dann schon sein. Klar, das will ja auch der gemeine deutsche Autokäufer südlich des Weißwurstäquators, der sich einmal im Jahr, 10 Tage mit der weißen Pracht konfrontiert sieht. Also: Vorhang auf für den VW Golf R!




VW Golf R VII Limestone Grey Metallic (Grau) Allrad - Wintersport Test Fahrbericht

Und gleich vorab: nein, ob ein Snowboard oder eine ganze Ski-Ausrüstung in den Wolfsburger passt, habe ich nicht getestet (und selbst wenn es nicht passen sollte, gibt’s ja noch den Golf R Variant). Ob er quer geht hingegen habe ich getestet. Und wie er ums Eck geht. Und wie er nach vorne geht. Doch eins nach dem anderen.

Denn, bevor wir uns dem wilden Golf widmen, müssen wir erst einmal die Fakten klären: das wohl mächtigste Faktum ist der Preis. Fast teutonisch genau abgezählte 50.000 Euros sind für unseren Testwagen fällig. Das ist ein nicht ganz unstolzer Preis für einen Golf. Aber dafür bekommt man eben auch: einen Golf. In all seinen guten, wie schlechten Ausprägungen. Letztere gibt es eigentlich nicht, was wohl seine beste gute Eigenschaft ist. Aber in all den Jahren war der VW Golf damit vor allem auch immer irgendwie: langweilig, fad. Ein wenig charakterlos eben.

Ein Golf ist ein Golf…

Sicher, Innen hat’s überall die gewohnte VW-Hausmannskost. Emotional springt Dich im Cockpit sicher nichts an. Auf der anderen Seite gibt es auch nichts, was das Auge, die Finger oder sonst irgendein Körperteil stört. Alles an Ort und Stelle, die immer noch feine, aber nicht mehr ganz aktuelle Ausprägung des Modularen Infotainmenbaukasten versorgt den Fahrer mit Informationen und die Sitze sind bequem. Wer hier keine Sitzposition findet, egal wie groß oder klein, dürfte wohl in gar keinem Auto glücklich werden. Ganz ohne Makel bleibt es hier allerdings nicht. Denn, warum um alles in der Welt ich keine Bluetooth-Verbindung mehr einrichten darf, sobald eine SIM-Karte ins Infotainment einlegt ist (die ich für die Datenverbindung nutzen möchte), bleibt ein ungelöstes (und unsinniges) Rätsel.

300 Pferde (ok, laut Marketingsprech, denn eigentlich sind es 301) und 380 Nm Drehmoment sollen nun richten, was wir Petrolheads so unter Fahrspaß verstehen: Langeweile hat Sendepause, Bühne frei für große Emotionen! Und tatsächlich: da ist mehr. Mehr Wolf im Golf, als je zuvor. Der 2-Liter-Turbo grantelt angenehm vor sich hin, gibt man ihm die Sporen. Dass da Lautsprecher am Werk sind, soll uns an und für sich nicht stören, denn unterm Strich klingt die Akustik überzeugend, fauchig, bassig. Nur: wenn die künstliche Motorsoundsinfonie dann halt so laut beigemengt wird, dass selbst die Verkleidungsteile im Armaturenbrett das Scheppern beginnen, dann ist’s ein bisserl viel mit der synthetischen Akustik. Schade, dass man die Akustik nicht separat von den sonstigen Parametern für die Fahrdynamikprogramme regeln kann, so wie es bei Audi der Fall ist.

Jetzt aber genug gefaselt: ab geht’s auf die Bergwertung. Über 2.800m wird das GPS am Ende der Etappe anzeigen, sobald die Ötztaler Gletscherstraße bezwungen wurde. Auf dem Weg dort hoch: Kurven, Unebenheiten, Kuppen und: ein fieser Abgrund. Wir vertrauen uns also ganz der Technik des Golf R an und verlassen uns darauf, dass die Haldex-Sperre schon ihr Bestes gegen unerwünschtes, weil dem Abgrund näher bringendes, Untersteuern tun wird. An der Mautstelle wird das Feuerwerk mit einem Launch Control Start gezündet. Traktionsprobleme sind dem „ERRRRR“ dabei dank 4MOTION-Allradantrieb völlig fremd. Das Viech marschiert nach vorne, als gäbe es kein Morgen. Auch hier, auf dem feuchten, versalzenen Untergrund. Und das, obwohl wir nur knapp unter der 2.000er Höhenmetermarke starten. Die 4,9 Sekunden auf 100 werden es hier oben zwar nicht sein, aber der Turbofön dreht den Ladedruck ordentlich auf, um den Sauerstoffverlust in der Höhenluft auszugleichen. Dafür – und erst recht hier – schreit der Golf R dann allerdings auch nach einem edlen Tröpfchen Kraftstoff: SuperPlus muss schon rein in die Brennräume.

Golf R – quer geht mehr

Beim Tanken haben wir aber fein aufgepasst, der Golf darf also pumpen, was das Zeug hält. Anbremsen, einlenken! Zusammenstauchen lässt er sich ohne Murren, knickt dezent ein und bleibt trotz der stark entlasteten Hinterachse noch erstaunlich neutral. Ein bisschen provizieren kann man ihn dann aber schon. Etwa, wenn man mit dem Herrn Griesinger am Beifahrersitz so dermaßen in die Kurve prischt, dass nur noch ein Ken-Blockoreskes Allrad-Fahrmanöver das Überleben sichert: denn wenn Du beim Anbremsen schon merkst, dass Dir der Platz ausgeht, kannst Du es auch damit probieren, den Hobel quer zu nehmen. Also richtig quer. Und dann am Scheitelpunkt auf den Pinsel wieder in (neuer) Fahrtrichtung gen Horizont katapultieren. Immerhin: wenn Du zum Scheitelpunkt schon gute 90° Driftwinkel hast, weißt Du: dieses ESP hält dicht und überlässt dich bekloppten Hoonigan ganz Dir selbst. Dass die Lenkung, wie gewohnt, mitteilsamer sein dürfte, das kennen wir schon vom Golf GTI und müssen wir hier wohl in Kauf nehmen.

Immerhin: ein solches Fahrmanöver zeigt auch, wie gut der Vierender am Gas hängt. Denn wenn Du quer im Scheitelpunkt liegst und dort turbolöchern verhungerst, hilft Dir all die Dynamik und all der Spielraum vom ausgeschalteten ESP genau: nichts. So aber reißt der aufgeladene Benziner gleich wieder voll an. Dennoch darf man sich nun nicht dem Irrglauben hingeben, dass der Golf aller Gölfe zur Driftmaschine mutiert wäre. Denn – das kann ich nicht oft genug predigen: Haldex bleibt halt Haldex. Und das bedeutet eben: so sehr Du den VW Golf R auch verbiegst, mehr als 50% kommen nicht an der Hinterachse an. Außer: Du begibst Dich auf Schnee! Und wie es der Zufall will, haben wir hier ganze Wagenladungen voll vor uns liegen, als wir am Ende der Ötztaler Gletscherstraße ankommen. Und dann geht er quer. Soviel man eben will und so sehr es ein Allradler halt quer macht. Im Zweifel also auch über alle vier Räder.

Mit schierem Gaseinsatz lässt er sich auf der Straße dazu nicht bewegen. Da brauchts schon ein wenig Lastwechsel-motivierte Überzeugungsarbeit. Dann lässt sich das Heck durchaus aus festen Bahnen hinaustragen und mit gezieltem Gaseinsatz auch dort halten. Nicht lang, aber es geht, während er ansonsten unter Gaseinsatz dann doch eher etwas zum Untersteuern tendiert. Doch immerhin: der Golf R lässt dem Golfer seinen Freiraum und zwängt ihn nicht in stoisch untersteuernde Bahnen.

Fazit

Nur: wieviel Gänsehaut erzeugt bei all der Fahrdynamikerei? Und genau da sind wir wieder bei: ein Golf ist ein Golf, ist ein Golf, ist ein Golf. Hier allerdings in seiner weniger positiven Ausprägung: denn bei aller Golferei ist seine wohl schlechteste Eigenart die Unaufgeregtheit, die Emotionslosigkeit. Da macht er alles so fein, kurvt so gut, so brutal schnell um die Ecken, lässt sich ein wenig querfahren, tobt wie wild nach vorn. Und doch fühlst Du: nicht viel. Die großen Emotionen bleiben aus. Vielleicht bin ich zu abgestumpft? Vielleicht fehlt mir seit Kindestagen an die große Anerkennung für das deutsche Kulturgut VW Golf.

Und verdammt, was ist er für ein gutes und fehlerfreies Auto! Nur die Emotionen, die weckt er nicht in mir. Das muss aber nicht heißen, dass er sie nicht bei anderen wecken kann. Und überhaupt: wer auf die Emotionen verzichten kann (oder sie trotzdem beim Anblick eines unscheinbaren 300-PS-Kompaktwagens empfindet), bekommt mit dem VW Golf R ein Auto, das so mühsam den Alltag meistert, so problemlos auf lange Strecke gehen kann und so viel an Assistenten bietet, dass man auch (fast) den Preis von etwa 50.000€ verschmerzen kann. Denn: es ist ein Golf! Ein verdammt schneller noch dazu.

VW Golf R VII Limestone Grey Metallic (Grau) Allrad - Wintersport Test Fahrbericht

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Text: sb
Fotos: Lukas Hampe, sb, Werk

Wertung

8.6/10
  • Fahrdynamik: 8
  • Fahrspaß: 7
  • Sound: 6
  • Verarbeitung: 8
  • Komfort: 8
  • Ausstattung: 7
  • Verbrauch: 6
  • Preis/Leistung: 5
  • Persönliche Anziehungskraft: 4
Mein passion:driving Wertungsschlüssel spiegelt meine subjektive Einschätzung des Testwagens in verschiedenen Kategorien wieder. Die fahrdynamischen Qualitäten spielen dabei eine große Rolle. Trotzdem wird ein Auto nur durch Performance keine 10er-Wertung erhalten können. Hier gibt es mehr Informationen zum Wertungssystem.

Technische Daten

VW Golf R 2.0 TSI BMT

Motor-Bauart:
4-Zyl.- Ottomotor TSI BMT, Direkteinspritzung / Turbocharger
Hubraum:
1.984 cm³
Leistung:
221 kW / 301 PS bei 6.200 U/Min
Drehmoment:
380 Nm bei 1.800 – 5.500 U/Min
Höchstgeschwindigkeit:
250 km/h
Beschleunigung (0-100 km/h)
4.9 Sekunden
Verbrauch (innerorts / ausserorts / kombiniert):
9.4 L / 5.9 L / 7.1 L SuperPlus (ROZ 98)
Grundpreis VW Golf R 2.0 TSI BMT:
40.950 €
Testwagenpreis:
49.956 €
Testverbrauch:
11.2 Liter / 100 km über 3.230 km
Leergewicht:
1.600 kg
Max. Zuladung:
455 kg
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe):
4.276 m / 1.799 m / 1.470 m

Disclosure zur Transparenz

Das Fahrzeug wurde mir freundlicherweise von Volkswagen für den Test zur Verfügung gestellt. Der Test erfolgte unabhängig. Der Text spiegelt meine persönliche Meinung wieder.

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